Kraftwerk am Jochberg Seehofer als Bergretter

Ein 25 Meter hoher Damm und ein See so groß wie 30 Fußballfelder: Ministerpräsident Seehofer will das umstrittene Pumpspeicherkraftwerk am Jochberg nicht gegen den Willen der Bevölkerung durchsetzen. Er stößt damit Befürworter und seine neue Energieministerin vor den Kopf und erfreut deren Gegner.

Von Christian Sebald

Nach kritischen Äußerungen von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sind die Chancen für den Bau des umstrittenen Pumpspeicherkraftwerks am Jochberg deutlich geringer geworden. Zwar hält die Energieallianz Bayern als Bauherr an dem 600-Millionen-Projekt fest, für das ein gigantischer Speichersee auf dem beliebten Ausflugsberg angelegt werden soll. Aber für Insider bedeuten Seehofers Worte "ganz klar den Anfang vom Ende des Projekts".

Bei den Umweltverbänden rechnen sie damit, dass nun alle Pumpspeicher-Projekte in Bayern überprüft werden könnten. Schließlich gebe es auch an den geplanten Vorhaben am Poschberg bei Bad Reichenhall und bei Riedl an der Donau massive Kritik. In jedem Fall aber hat Seehofer mit seinen Worten seine neue Energieministerin Ilse Aigner (CSU) in die Schranken gewiesen. Aigner hatte unlängst in ihrem ersten Interview als Energieministerin Sympathien für den Pumpspeicher am Jochberg erkennen lassen.

Seehofer stellte darauf am Montag klar, man werde das Projekt auf keinen Fall gegen den Willen der Bevölkerung durchsetzen. Zwar seien solche Anlagen eine Möglichkeit, die Probleme des Atomausstiegs zu bewältigen, sagte er. Aber was man dann realisiere, sei eine zweite Frage. "Das machen wir nicht über die Köpfe der Menschen hinweg."

Frust über die Politik

Für die Energieallianz Bayern und den Multi-Unternehmer Max Aicher, der das Projekt mit dem Verbund aus kommunalen Energieversorgern vorantreibt, ist das ein herber Rückschlag. Sie hatten erwartet, dass sich die Staatsregierung nach der Landtagswahl klar zu dem Vorhaben bekennt, um endlich voranzukommen. "Es wird Zeit, dass sich die Staatsregierung äußert", erklärte Aicher erst Ende vergangener Woche.

Nun ist der Frust groß. "Wir haben bei der Energiewende ja schon öfter das Gefühl gehabt, dass uns die Politik auf ein Pferd setzt, um es unter uns sofort wegzuschießen, wenn wir losgaloppieren wollen", sagt ein Insider. Der Branchenverband VBEW erklärt einmal mehr, dass es so nicht weitergehen könne. "Wir als Wirtschaft brauchen verlässliche Rahmenbedingungen", sagt VBEW-Geschäftsführer Detlef Fischer, "sonst wird die Energiewende nicht gelingen." Dazu müssten die "Politiker den Menschen draußen im Land endlich offen erklären, dass die Pumpspeicher, die Windräder, die Wasserkraftwerke und all die Solarfelder, die wir dafür brauchen, nicht zum Nulltarif zu haben sind", sagt Fischer. "Sie werden unser Land gewaltig verändern." Bei der Energieallianz selbst flüchtet man sich derweil in Alltagsroutine. "Natürlich halten wir an unseren Plänen fest", sagte Energieallianz-Manager Joachim Martini.

"Energiewirtschaftlich überflüssig"

Die Umweltverbände und die Landtags-Grünen begrüßten Seehofers Erklärung. "Solche Pumpspeicher sind nicht nur eine gigantische Naturzerstörung", sagt der Richard Mergner, der Landesbeauftragte des Bundes Naturschutz, "sie sind energiewirtschaftlich auch überflüssig und können nur mit hohen Subventionen der Steuerzahler betrieben werden." Der Bund Naturschutz lehnt wie der Vogelschutzbund LBV, der Alpenverein und andere Umweltverbände nicht nur das Projekt am Jochberg, sondern Pumpspeicherkraftwerke in den bayerischen Alpen generell ab.

Zum einen weil die Speicherkapazität viel zu gering sei. Ihr Energievorrat reiche nur für einen halben Tag. Und als Regelkraftwerke für den Ausgleich von Netzschwankungen genügten die vorhandenen neun Anlagen in Bayern völlig. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Ludwig Hartmann fordert deshalb ein Moratorium. "Die Staatsregierung muss zumindest das längst angekündigte Kataster über mögliche Standorte vorlegen", sagte Hartmann. "Außerdem muss man den tatsächlichen Bedarf für eine jede Anlage ermitteln, allein schon wegen des gigantischen Eingriffs in die Natur."

Ein Speichersee so groß wie 30 Fußballfelder

Tatsächlich würde die Anlage am Jochberg den beliebten Ausflugsgipfel bis zur Unkenntlichkeit verändern. Der Speichersee in 1300 Meter Höhe hätte eine Ausdehnung von 22 Hektar, er wäre so groß wie 30 Fußballfelder. Der Damm soll bis zu 25 Meter hoch werden. Das Fassungsvermögen des Sees würde drei Millionen Kubikmeter Wasser betragen. Das entspricht dem Volumen von 1200 Schwimmbädern.

Zwar versprach die Energieallianz stets, der künstliche See würde sich harmonisch in die Berglandschaft einfügen. Experten sagen aber, dass so ein Kunstbau immer ein Fremdkörper in der Landschaft bleibe, nicht nur wegen der absolut dichten Wanne, die für ihn errichtet werden muss. Sondern auch wegen der permanent schwankenden Wasserstände, die durch das Hinaufpumpen des Wassers auf den Berg und das Wiederablassen für die Stromgewinnung entstehen.

Auf keinen Fall ist ein Speichersee ein so idyllisches Badegewässer, wie die neue Energieministerin Aigner das in ihrem Interview nahegelegt hatte. Auf die Frage "Können Sie sich derart heftige Eingriffe in die Alpenlandschaft als Oberbayerin überhaupt vorstellen?", antwortete sie: "Ein See, der nicht betoniert werden muss, und in dem man sogar baden kann, ist grundsätzlich nichts Schlechtes." In den Umweltverbänden und im Oberland sind sie seit der Äußerung eher schlecht auf Aigner zu sprechen.