Neues CSU-Wahlkampfformat Seehofer spricht, niemand bremst

CSU-Chef Seehofer will mit Bürgern direkt ins Gespräch kommen und startet ein neues Wahlkampfformat. Eine Art "Jetzt red i" der Moderne. Reden tut aber in Deggendorf fast ausschließlich der Ministerpräsident - nur nicht über den Fall Mollath.

Von Wolfgang Wittl

Donnernder Fanfarenschall, imposante Bilder aus dem Bayernland, von Papst Benedikt XVI., von Schloss Neuschwanstein und von Hightech-Firmen, ein gelöster Horst Seehofer steht mit dem Mikrofon auf der Bühne - und dann das: Gleich die erste Frage geht daneben. Eine Frau aus der dritten Reihe schildert einen sehr persönlichen Fall, sie fühlt sich von der Justiz seit Jahren benachteiligt. Sie habe den Ministerpräsidenten deswegen bereits angeschrieben, nun bitte sie ihn hier und jetzt um seine Hilfe. Sie hoffe, sagt die Frau noch, sie werde nicht weggesperrt wie der Herr Mollath. Seehofer hört aufmerksam zu. "Gut", sagt er dann. In einem Punkt könne er auf jeden Fall zustimmen: "Wir sind keine Bananenrepublik." Ansonsten möge die Frau ihm die Unterlagen bitte noch mal zuschicken.

So kann es gehen, wenn man ein neues Wahlkampfformat installiert. "Seehofer direkt" heißt die Veranstaltungsreihe, die der CSU-Chef am Montag in Deggendorf gestartet hat. Weitere Treffen sollen folgen, in jedem Regierungsbezirk mindestens eines. "Horst Seehofer im Gespräch mit Menschen aus der Region über die Themen, die sie bewegen. Ohne lange Vorrede. Direkt. Live." So verheißt es die Ankündigung. Eine Art "Jetzt red i" der Moderne, auch über Facebook, Twitter oder Mails sollen sich die Bürger einschalten können.

Für ein echtes "Jetzt red i" bräuchte es aber einen Moderator, der unterbricht und auch einmal nachhakt. In Deggendorf redet vor allem einer: Horst Seehofer spricht. Und spricht. Eigentlich sollte das neue Format der Gegenentwurf zu einem Bierzeltmonolog sein. Doch selbst die lapidare Feststellung eines Mannes, dass viele Senioren aus der Stadt aufs Land ziehen, veranlasst Seehofer zu einem fünfminütigen Referat, in dem er zusammenfasst, was er vorher schon über gleichwertige Lebensbedingungen gesagt hat. Den meisten der paar Hundert Menschen im Saal - darunter zahlreiche CSU-Mitglieder - gefällt's trotzdem.

An den heimischen Computern ist die Stimmung kritischer. Einige User bemängeln, es würden unliebsame Themen unterschlagen. Der Fall Mollath etwa kommt trotz mehrerer Aufforderungen via Twitter nicht zur Sprache. Stattdessen geht es um so spezielle Fragen wie den zweigleisigen Schienenausbau zwischen Plattling und Landshut oder um geothermische Voraussetzungen beim Hausbau. Für Horst Seehofer kein Problem. Er lässt keine Gelegenheit aus, jedes noch so klein anmutende Thema mit der großen Agenda zu verknüpfen, bekommt jederzeit die Kurve zu Pkw-Maut, Heimatministerium und Erbschaftssteuer; spannt den Bogen von Franz Josef Strauß über Edmund Stoiber zu sich, dem ja nun die Aufgabe obliege, Bayern weiter in der Weltliga zu halten.

Seehofer spricht, und niemand bremst. Nur über die SPD und seinen Herausforderer verliert er kein Wort. Zwei Mal immerhin wandelt er unfreiwillig auf Christian Udes Pfaden, als er Aschaffenburg im Westen Bayerns verortet und die Donau flussabwärts von Deggendorf nach Ingolstadt fließen lässt. Direkt wird Seehofer vor allem dann, als er in einem seiner Exkurse beim Betreuungsgeld landet, das bislang nur spärlich angenommen wird. Wer behaupte, die CSU wolle die Frauen zurück an den Herd schicken, dem könne er nur sagen: "Alles ballaballa."

In Deggendorf hat Horst Seehofer nichts zu befürchten. Ein Mann entschuldigt sich sogar dafür, dass er eine Frage stellt. Kritisch ist sie nicht, aber darum geht es an diesem Abend wohl nicht. Sondern, wie der Moderator schon sagte: "Bayern ist einfach schön, ich hoffe, so wird's auch weitergehen."