Neues Polizeimuseum in Ingolstadt Vom Angriff zur Verteidigung

Die SS-Kluft mit ihren Totenköpfen, der Stahlzaun aus Wackersdorf und der ein oder andere unbekannte Held: Das neu eröffnete Polizeimuseum in Ingolstadt zeichnet die Geschichte der bayerischen Ordnungshüter nach.

Von Stefan Mayr

Diese Begegnung des jungen Ansbacher Gendarmerie-Hauptmanns Max Lagerbauer mit Heinrich Himmler ist weitgehend unbekannt, darf aber getrost als Sternstunde der bayerischen Polizei bezeichnet werden. Himmler, der gefürchtete Reichsführer-SS und Polizei-Chef, hatte dem Mittelfranken Lagerbauer befohlen, einen Untergebenen zu degradieren. Grund: Der Gendarm hatte auf Bitten der Bevölkerung eine grölende und pöbelnde Gruppe von SS-Männern zur Ruhe ermahnt. Daraufhin gingen die SS-Randalierer auf den Gendarmen los, dieser wehrte sich und sorgte mit einem entschlossenen Säbelhieb für Ruhe.

Die bayerische Polizei mit ihrer fast hundertjährigen Geschichte hat nun ein eigenes Museum - zu sehen ist dort auch dieser alte Helm eines Motorrad-Polizisten.

(Foto: dpa)

Lagerbauer weigerte sich, Himmlers rechtswidrigen Befehl auszuführen. Wenig später wurde er von Himmler vorgeladen. Lagerbauers Kollegen empfahlen ihm dringend einzulenken, um seinen Hals zu retten. Doch obwohl Himmler brüllte, blieb dieser standhaft. Er verteidigte seinen Untergebenen mit den Worten: "Recht muss Recht bleiben!" Himmler war außer sich. Doch am Ende blieb Lagerbauer unbehelligt. Und erfolgreich: Die Degradierung wurde zurückgenommen.

Diese und viele andere Geschichten erzählt das Bayerische Polizeimuseum in Ingolstadt, das am Montag eröffnet wurde. Die Ausstellung auf 650 Quadratmetern befindet sich im Baudenkmal Turm Triva im Klenzepark am Donauufer. Sie zeigt imposante Original-Exponate aus der fast 100-jährigen bayerischen Polizeigeschichte. Allerdings fehlen - aus Platzgründen - die spektakulären Groß-Fahrzeuge wie der Wasserwerfer von Wackersdorf. Und es gibt kaum interaktive Präsentationstechniken. "Aus Geldgründen", wie Museumsdirektor Ansgar Reiß sagt. Das Polizeimuseum ist dem Bayerischen Armeemuseum angegliedert, Reiß muss die zusätzliche Dauer-Ausstellung aus seinem Standardetat stemmen. Zusätzliche Mittel gibt es nicht.

Dennoch ist Reiß eine sehenswerte Präsentation gelungen. Neben Klassikern wie dem VW-Käfer und Motorrädern werden auch unbekannte Helden der Polizeigeschichte wie Max Lagerbauer präsentiert. Und wie jene vier Polizisten, die beim Hitlerputsch in München am 9. November 1923 ihre Staatstreue mit dem Leben bezahlten - während Teile der Polizeidirektion bei der braunen Bewegung kräftig mitmischten, hatten sich etliche Polizisten entschlossen, den Nationalsozialisten um Adolf Hitler entgegengestellt. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, Hitler musste fliehen und wurde zwei Tage später verhaftet. Die Polizisten Friedrich Fink, Max Schobert, Nikolaus Hollweg und Rudolf Schraut wurden bei dem Einsatz vor der Feldherrnhalle getötet. Ihrer wird im Museum auf einer eigenen Tafel gedacht.

Das Museum spart die dunklen Kapitel nicht aus: Nach der Machtübernahme durch die Nazis machte die Polizei schnell gemeinsame Sache mit der SS. "Die Polizei wurde zum Instrument des Staates", sagt Museumsdirektor Ansgar Reiß. 1933 wurde Himmler zum Polizeipräsidenten von München ernannt. Wenig später eröffnete er das Lager in Dachau, dieses wurde anfangs sogar von der Polizei verwaltet.

Die SS-Kluft mit ihren Totenköpfen gehört zu den spektakulärsten Uniformen des Museums - das Kontrastprogramm bildet die Kleidung der Ordnungshüter bei den Olympischen Spielen 1972 in München, die ebenfalls gezeigt werden. Denn was heute unvorstellbar ist, war damals Programm: Die Polizisten waren weder bewaffnet noch sollten sie als solche erkennbar sein. Ihre türkisen Klamotten waren eine zweifellos freundliche Mischung aus Freizeitanzug und Bonbonpapier.

Ganz anders war das Klima am Bauzaun der geplanten Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf: Dort gab es in den 1980er Jahren massive Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizisten. Das Museum zeigt den grün getünchten Stahlzaun, darüber hängen die Transparente der Demonstranten: "Atompfalz nie - wir halten durch!" Die Polizeifotos zeigen ausgebrannte Einsatzwagen. "Die Polizei ist wie weniges geeignet, die Kulturgeschichte des öffentlichen Raumes darzustellen", sagt Direktor Reiß. "Früher war die Auseinandersetzung mit Protest konfrontativ, jetzt ist sie deeskalierend." Deshalb habe sich auch die Ausrüstung der Polizisten geändert: Von Maschinengewehren und Handgranaten anno 1919 zu Schutzschilden und Helmen heute.