Nach dem Zugunglück Worte wie Pfeile

Hunderte Helfer versammelten sich am Montagabend in der Münchner Frauenkirche zum ökumenischen Gottesdienst.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Beim Dankgottesdienst für die Helfer von Bad Aibling hält die Regionalbischöfin eine Predigt, die keiner so schnell vergessen wird

Von Daniela Kuhr

Am Montagabend um ziemlich genau 19.30 Uhr scheint die Stimmung endlich gelöst zu sein. Auf Einladung von Ministerpräsident Horst Seehofer und Landtagspräsidentin Barbara Stamm sind 800 Rettungskräfte aus Bad Aibling und Umgebung in den Kaisersaal der Residenz nach München gekommen. Sie alle haben bei dem Zugunglück am 9. Februar geholfen - und dafür wollen die Politiker ihnen danken. Bei Antipasti, Schweinsbraten, Maultaschen, Bier und Wein plaudern sie mit Mitarbeitern der Bergwacht, mit Polizisten, Notfallseelsorgern, Helfern des Technischen Hilfswerks, des Roten Kreuzes oder der Freiwilligen Feuerwehr. Auch Bahnchef Rüdiger Grube und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sind gekommen, um den Helfern für ihren Einsatz zu danken. Der Abend endet versöhnlich - angefangen aber hat er mit Worten, die niemand so schnell vergessen wird.

Es war um 18 Uhr, als in der Frauenkirche in München der ökumenische Gedenkgottesdienst begann, an dem Rettungskräfte und Politiker teilnahmen. Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler sprach in ihrer Predigt die Helfer direkt an: "Sie freuen sich, wenn Sie Menschen unversehrt antreffen. Sie retten Schwerverletzte, für die nichts mehr so sein wird, wie es war. Und Sie bergen Tote. Doch was ist mit Ihnen selber?", fragte Breit-Keßler - und wählte Worte, die sich wie ein Pfeil ins Mark bohren. Was sei mit den Bildern von eingeklemmten, verzweifelten Menschen? Was sei mit dem "Schreien, Wehklagen und Wimmern"? Was mit den Gerüchen "von verbranntem Fleisch"? Ein junger Mann von der Bergwacht schüttelte stumm den Kopf und stützte sich mit den Ellenbogen nach vorn auf seine Knie, so als wolle er sich die Ohren zuhalten. Doch Breit-Keßler fuhr fort: "Ich sage das so überdeutlich und brutal, damit unsere Gesellschaft sich neu ins Bewusstsein ruft, was Sie leisten." Auch die Politik nahm sie in ihrer Predigt in die Pflicht, die ihrer Meinung nach beispielsweise deutlich mehr Polizisten einstellen müsste. "Es geht nicht an, dass Sie sich aufarbeiten, unterbesetzt und mit unfassbaren Überstunden, weit über die Grenzen der eigenen Kraft."

Die Botschaft kommt an. Seehofer spricht später beim Empfang von einer "feurigen Predigt". Und Helmut Heiß, katholischer Notfallseelsorger, findet die drastischen Beschreibungen treffend. "Manchmal muss man etwas deutlich aussprechen, damit die Menschen ein reelles Bild von dem kriegen, was Helfer sich alles antun." Er selbst sei am 9. Februar über seine Grenzen hinausgegangen. Heiß betreute den ganzen Nachmittag über eine Familie, die er schon lange kannte - und die an dem Tag ihren Vater verloren hatte. "Er war 57 Jahre alt, genau wie ich." Wie sehr ihm das zusetzte, hat er erst am Abend gespürt, als er daheim bei seiner Familie war. Umso wichtiger sei es, dass man das Gefühl bekomme, die Arbeit werde wahrgenommen, sagt er.

Auch Armin Kothlow, stellvertretender Leiter der Bergwacht Hochland Bayern, ist dankbar für den Empfang im Kaisersaal. "Das ist eine Wertschätzung, ein Zeichen der Anerkennung für alle ehrenamtlichen Helfer."