Nach dem Zugunglück Wie es den Helfern von Bad Aibling heute geht

Die Feuerwehrleute Stefan Hofmeister (links) und Franz Wudy (rechts) haben Leichen geborgen und Verletzte versorgt. Horst Henke leitet das Kriseninterventionsteam des Bayerischen Roten Kreuzes.

(Foto: Jakob Berr, privat (2))

Immer noch schießen die Bilder vom 9. Februar wie Blitze ins Gehirn: Die Helfer haben das Grauen erlebt, der Weg zurück in den Alltag ist mühsam.

Von Lisa Schnell, Bad Aibling

Über Franz Wudy hingen Leichen. Der Boden war blutverschmiert. Er machte weiter. Kämpfte sich durch die Trümmer, fand einen Schuh, darin ein Fuß. Er wurde in eine Plastiktüte gepackt. Die Leichen kamen in schwarze Säcke. Auf kleinen Wägelchen schob Wudy sie das Gleis entlang. Da war das schlechte Gefühl noch nicht da. Er kam ins Feuerwehrhaus Kolbermoor, hatte einen Wahnsinnshunger, freute sich über die Leberkässemmel. Und dann kam es: das schlechte Gefühl.

"Ich wollte eigentlich nur losheulen", sagt Wudy, 50 Jahre, direkter Blick, blaue Augen und dann dieses Lachen. Das lustige Schnaufen bricht immer aus ihm heraus, wenn er erzählt, was nicht zu fassen ist, was ihm, mehr als 30 Jahre bei der Feuerwehr, noch nie passiert ist. Etwa, wie er nach Hause kam und losheulte, so wie er noch nie geheult hat, wie eine Explosion. Wie er in der Nacht nicht schlafen konnte, die Last wieder auf der Brust spürte. Er macht einen Fehler und ein Mensch stirbt. Wie ihn die Bilder einholten. Die Toten, die Verschütteten. Bilder, so schrecklich, dass kein Horrorfilm auf sie vorbereitet.

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Bilder vom 9. Februar. Dem Tag, an dem in Bad Aibling zwei Züge ineinanderrasten, an dem elf Fahrgäste starben, der Hunderte Leben für immer veränderte und sich einbrannte in die Köpfe von etwa 800 Feuerwehrleuten, Sanitätern, Polizisten, Notfallseelsorgern, die halfen, und von denen viele jetzt selbst Hilfe brauchen.

Früher, als Männer noch nicht weinen durften, etwa nach dem großen Zugunglück in Warngau 1975, da bekam man als Helfer einen Klaps auf die Schulter und den Rat, ein Bier zu trinken. Ein schlechter Rat, sagt Horst Henke, Leiter des Kriseninterventionsteams vom Roten Kreuz in Bad Aibling. Ohne Verarbeitung kann der Horror des einen Tages zur Endlosschleife werden, können aus einem Bier schnell zehn werden, nur um zu vergessen. Deshalb waren am 9. Februar Teams vom Psychosozialen Notfalldienst am Unfallort, Helfer für die Helfer. Wer wollte, konnte reden. Nach dem sogenannten Peer-Prinzip: Feuerwehrleute mit Feuerwehrleuten, Polizisten mit Polizisten, Sanitäter mit Sanitätern.

Die Erlebnisse verarbeiten - bis sich der letzte leer geredet hat

Henke und seine Leute sagten den Helfern, was die nächsten Tage mit ihnen passieren könne: schwitzen, zittern, kein Schlaf, kein Hunger. Sie nahmen ihnen die Versagensangst. Sagten, dass sie gute Arbeit geleistet hätten. Dass es normal sei, sich in so einer Ausnahmesituation unsicher zu fühlen, dass sie die nächsten Tage wieder kommen sollten zum Gruppengespräch. Und dass sie professionelle Hilfe bräuchten, wenn die Bilder sie auch nach vier Wochen noch nicht schlafen lassen.

Am schlimmsten hat es wohl die Feuerwehrleute erwischt. Von den Feuerwehrmännern in Bad Aibling sind sechs in professioneller Behandlung, einer ist arbeitsunfähig. Etwa ein Drittel der Mannschaft trifft sich noch zu Gruppengesprächen. Bis um zwei in der Nacht sitzen sie oft, bis sich der letzte leer geredet hat.

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Auch Franz Wudy redete, redete, redete. Er erzählte seinen Kollegen von dem 17-Jährigen, der eingeklemmt war, in einem Knäuel aus Stahl, Aluminium, Sitzen. Den er mit einem Kollegen Millimeter für Millimeter rausschnitt, eine Stunde lang. Immer das Zittern, dass die Trümmer über ihm einstürzen könnten, er ein Leben verlöre. Die Kollegen kannten seine Angst, die grausamen Bilder.

Seiner Partnerin ersparte Wudy die Details, hier sprudelten sie aus ihm heraus. Das half. Genau wie sein Besuch im Krankenhaus, als er den 17-Jährigen wieder traf, den er aus den Trümmern geschnitten hatte. Dass er es geschafft hat, wohl körperlich wieder ganz gesund wird, das ist ein "sehr gutes Gefühl", sagt Wudy. Es ist das Gefühl, das bleibt. Sein schlechtes Gefühl aber, das verschwindet langsam. Wenn er jetzt Bilder vom Zug sieht, interessieren ihn vor allem die technischen Details.

Wenn Feuerwehrmann Stefan Hofmeister die Bilder sieht, dann denkt er an René. Daran, wie er in der Arbeit saß am 9. Februar, Kaffee in der Hand, Computer fährt hoch. Wo bleibt eigentlich René, fragte er sich, da ging sein Piepser. Ein Zugunglück, das erfuhr er im Feuerwehrhaus Bad Aibling. Fahrzeug 40/1 erwischte er nicht mehr. Später dachte er: zum Glück.