Mollath-Gutachter Nedopil Psychiater ohne Angst

Die Gutachter Norbert Nedopil (links) und Hans-Ludwig Kröber beim Wiederaufnahmeverfahren im Fall Peggy am Landgericht Bayreuth.

(Foto: dpa)

Gustl Mollath will nicht mit ihm reden, doch das ist nichts Neues für Gutachter Norbert Nedopil. Der Münchner Psychiater hat schon den Maskenmann begutachtet und einen rechtsextremen Bombenleger. Selbst würde Nedopil seine Seele aber nicht vor Gericht entblättern.

Von Annette Ramelsberger

Norbert Nedopil kann einem sehr schnell unheimlich werden. Nicht weil er unsympathisch wäre, im Gegenteil. Der Psychiatrieprofessor aus München wirkt mit seinem weißen Haar, dem Bart und der ruhigen Stimme gutmütig, fast väterlich. Doch kaum hat er ein paar seiner harmlos klingenden Fragen gestellt, kommen sich die Befragten so vor, als könne er ihnen auf den Grund ihrer Seele sehen. So viel Durchblick würde Nedopil nie für sich in Anspruch nehmen, aber er versucht, der Wirklichkeit zumindest recht nahe zu kommen.

Nedopil ist forensischer Psychiater, er kennt sich aus mit kranken Straftätern. Nun soll er Gustl Mollath begutachten, doch weil der nicht mit ihm sprechen will, ist Nedopil auf seine Beobachtungen im Gerichtssaal angewiesen. Aber auch das lehnt Mollath ab, er will, dass Nedopil den Saal verlässt, andernfalls will er nichts sagen.

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Das ist nichts Neues für Nedopil. Er hat einst auch den österreichischen Neonazi Franz Fuchs begutachtet, der mit seinen Bomben in den Neunzigerjahren vier Menschen tötete und mit niemandem reden wollte. Nedopil besuchte ihn in der Zelle und schaffte es über einen Witz, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Am Ende schüttelte Fuchs ihm mit seinen Handstummeln die Hand; ihm hatte seine eigene Bombe die Hände abgerissen.

Nedopil macht sich nicht gemein mit seinen Probanden - so heißen die Menschen, die Psychiater begutachten. Aber er ist ausgesucht höflich. Mediziner, die wegen Mordes angeklagt sind, spricht er mit "Herr Kollege" an, Bankräubern gibt er das Gefühl, er schätze sie als Profis auf ihrem Gebiet. Er will ja keine Barrieren aufbauen.

Nedopil, der im September 67 wird, gilt als Großmeister seines Fachs. Seit 1992 leitet er die Forensische Psychiatrie an der Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Obwohl er die Altersgrenze überschritten hat, ist immer noch kein Nachfolger für ihn gefunden. Er hat viele Täter begutachtet, deren Taten die Gesellschaft erschütterten: den Maskenmann, der drei Jungen aus Schullandheimen entführt und ermordet hatte; den Lastwagenfahrer, der sechs Prostituierte zu Tode strangulierte.

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"Mich treibt menschenkundliche Neugier", hat er in einem Interview des SZ-Magazins gesagt. Moral spiele da keine Rolle für ihn, nur Erkenntnisgewinn. Und professioneller Ehrgeiz. Das Schlimmste für ihn wäre, wenn ihm jemand übertriebenen Eifer vorwerfen könnte, oder übertriebene Rücksicht.

Angst hat Nedopil nicht. Viele Straftäter säßen nur in der Psychiatrie, weil die Ärzte Angst vor den Reaktionen der Öffentlichkeit haben, falls etwas passiert, sagt er. Die meisten seien ungefährlich. Er selbst übrigens würde sich nicht begutachten lassen. "Wenn ich etwas getan habe, dann stehe ich dazu und muss mich in die Hände des Gerichts begeben", sagte er. "Aber ich muss nicht auch noch meine Seele vor denen entblättern." Gustl Mollath hat das Interview gelesen und diesen Satz genüsslich zitiert.

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