Missbrauch im Kloster Auf der dunklen Seite

Früher galt Kloster Ettal - hier die Kirche - als Eliteschule. Die vielen Missbrauchsfälle ruinierten den Ruf der Einrichtung.

(Foto: Johannes Simon)
  • Zwischen 2001 und 2005 soll der frühere Präfekt des Internats im Kloster Ettal zwei Schüler sexuell missbraucht haben.
  • Er spricht nur von Streicheleinheiten und elterlicher Nähe.
  • Der Prozess ist Abschluss eines jahrzehntelangen Missbrauchsskandals im Kloster.
Von Heiner Effern

Ein büßender Mönch auf der Anklagebank sieht anders aus. Im dunkelgrauen Anzug, mit weißem Hemd und blau-gestreifter Krawatte ist Pater Georg ins Landgericht München II gekommen. Aufrecht, den Kopf erhoben, nimmt er vor seinen Verteidigern Platz. Mitgebracht hat er zum Prozessauftakt ein dickes Konvolut, aus dem er gleich nach dem Vortrag der Anklage vorliest. Mit vielen Worten zeichnet er mehr als zweieinhalb Stunden lang das Bild eines Menschen. Einfühlsam, manchmal unglücklich, konfliktscheu, oft überfordert. Er beschreibt sich als einen Mann, der sich verirrt hat. Doch nicht auf die Abwege, die ihm die Staatsanwältin vorwirft. Niemals habe er sich den ihm anvertrauten Schülern als Präfekt des Internats in Kloster Ettal sexuell genähert, sagt der 44-jährige Pater Georg. Er ist nicht als Büßer gekommen, sondern um seine Unschuld zu beweisen.

Zwischen den Jahren 2001 und 2005 soll er zwei Schüler sexuell missbraucht haben. Er soll sie mit der Hand am Genital berührt und auch gestreichelt haben. Bei zweien ist er des Versuchs angeklagt, sie sollen rechtzeitig gegangen sein. Pater Georg soll seine Position als Vertrauensperson der Kinder dafür schamlos ausgenutzt haben. So steht es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. "Falsch", sagt Pater Georg. "Alle mir zur Last gelegten Vorwürfe sind unzutreffend."

Eine pädagogische Ausbildung hatte der Mönch nie

Seinem damaligen Verteidiger hatte Pater Georg bei Bekanntwerden der Vorwürfe im Jahr 2010 zwar noch eine Art Geständnis unterschrieben, so wird beim Prozess bekannt. Der Pater bezeichnet dies aber heute als Fehler, er habe deshalb den Anwalt gewechselt. Die Unterschrift sei ihm mehr oder weniger abgenötigt worden, um ins Gespräch zu kommen mit der Staatsanwaltschaft.

Was er heute eingesteht, sind lediglich Berührungen und Streicheleinheiten, die strafrechtlich nicht relevant sind. Er habe zu viel körperliche Nähe zugelassen, sagt er, weil er sich "als Vater- und Mutterersatz" für die Jungen gefühlt habe. Noch in der siebten Klasse saßen diese regelmäßig auf seinem Schoß, auch längere Zeit. Wenn sie Kummer hatten, tröstete er sie, "wie es meine Mutter bei mir gemacht hat". Er habe sie am Bauch und am Rücken gestreichelt und gekrault, sagt er. Seine vermeintliche Elternrolle habe ihm "geschmeichelt". Dass ihm die nötige Distanz zu den Kindern fehlte, habe er damals nicht reflektiert. "Das tut mir leid, das war ein entscheidender Fehler in meiner Arbeit." Den Grund dafür sieht der Mönch in seiner mangelnden pädagogischen Ausbildung. Eine solche habe er nie erhalten.

Ein mutiger Schritt

Die Institution stand im Mittelpunkt, nicht der Mensch: Im Kloster Ettal zeigte sich der Narzissmus der katholischen Kirche. Der unabhängige Bericht über den Missbrauchsskandal ist nun ein mutiger Schritt zu dessen Überwindung - selbst wenn es immer noch uneinsichtige Täter gibt. Ein Kommentar von Matthias Drobinski mehr ...

Ohnehin führte sein Weg anfangs in eine andere Richtung. In Frankfurt als Jürgen R. geboren und aufgewachsen, absolvierte er erfolgreich eine Banklehre. In einer Einrichtung der Karmeliter holte er anschließend das Abitur nach. Dort habe er "überzeugende Menschen" kennengelernt, sagt er. Jürgen R. beschloss, in einen Orden einzutreten. Er wählte die Benediktiner, weil Mönche dort nicht ständig den Wohnort wechseln müssen. Der bergbegeisterte Novize suchte sich Kloster Ettal aus. 1996 wurde er als Mönch endgültig aufgenommen, danach studierte er in München Theologie. Nach Abschluss des Studiums 2001 übernahm er im Klosterinternat einen festen Posten.

Um die Jungen in den Griff zu bekommen, so beschreibt er es vor Gericht, bastelte er sich selbst eine Art pädagogisches Konzept. Das basierte auf vielen Ausflügen zum Wandern, Klettern und Skifahren, um aus der Klasse eine Einheit zu formen. Bei Bedarf gab es Zuwendung, wie er sie von seiner Mutter erlebt hatte.

Zwischen 1960 und 1990 wurden in dem Internat viele Schüler missbraucht

Vier junge Männer berichteten den Ermittlern 2010 aber von einer Art Zuwendung, die weit darüber hinaus ging. Ständiges Ziel von Pater Georg war es laut Anklage, mit seiner Hand in deren Hose zu kommen. Einen 13 Jahre alten Jungen soll der Angeklagte unter seinen Boxer-Shorts gestreichelt haben, als er eines Abends bei ihm im Zimmer auf einer Couch eingeschlafen war. Dazu soll es zu einem weiteren, ähnlichen Vorfall auf einer Berghütte gekommen sein, auf der Pater Georg mit Schülern übernachtete. Der Junge soll sich aus Scham schlafend gestellt haben. Einen 14-Jährigen soll er mindestens 20-mal in die Hose gefasst haben, als sie gemeinsam im Zimmer des Präfekten vor dem Computer saßen. Teilweise minutenlang. Der Mann saß mit seiner Kutte spürbar erregt auf dem Stuhl, der Junge auf seinem Schoß. Zwei andere Schüler sollen sich davongemacht haben, als die Hand des Priesters in ihre Hose zu kommen versuchte.

Die Vorwürfe gegen einen Priester und Präfekten, der als Vertrauensperson für eine Altersstufe in einem Klosterinternat verantwortlich ist, sind schwerwiegend. Eine besondere Wucht erhalten sie dadurch, dass in diesem Haus der Benediktiner über Jahrzehnte hinweg Patres ihren Zöglingen noch viel Schlimmeres angetan haben. 15 Mönche haben zwischen 1960 und 1990 hinter den Klostermauern unbehelligt mindestens hundert Schüler misshandelt und missbraucht. So steht es im Bericht eines Anwalts, der als Sonderermittler im Auftrag des Münchner Kardinals Reinhard Marx die Vorfälle aufklären sollte. Er beschrieb ein Terrorregime in Ettal, in dem die Schwächeren Opfer von Gewalt und sexuellen Attacken wurden.

Ein Gutachten über den Mönch brachte kein Ergebnis

Als ehemalige Schüler Anfang 2010 mit ihrem Leid an die Öffentlichkeit gingen, brach ein Sturm über dem Kloster los. Abt und Prior wurden kurzzeitig entmachtet, Patres wurden vernommen, und der Ruf des einstigen Elite-Internats war zerstört. Im Rahmen dieser Ermittlungen, die sich im Wesentlichen auf die Zeit vor 1990 bezogen, wurden auch Vorwürfe gegen Pater Georg erhoben. Bereits im Jahr 2005 war er seines Amtes als Präfekt des Internats enthoben worden, weil sich Schüler über ihn beschwert hatten. Damals sollen allerdings nicht Vorwürfe in der jetzt angeklagten Form vorgebracht worden sein. Gleichwohl sah sich das Kloster veranlasst, mit Einverständnis von Pater Georg ein Gutachten zu seinen sexuellen Neigungen erstellen zu lassen, um pädophiles Verhalten auszuschließen. Das fiel so neutral aus, dass das Kloster dem Mönch nach seiner Versetzung nach Wechselburg in Ostdeutschland wieder den Umgang mit Jugendlichen erlaubte. Bis zum Jahr 2010.

Fast alle Straftaten der Mönche waren verjährt, doch das Kloster erkannte nach einigen inneren Kämpfen seine Schuld an. Ettal zahlte den Opfern freiwillig Entschädigungen und Therapien in Höhe von insgesamt 700 000 Euro. Zwei Patres erhielten Bewährungsstrafen, der Prozess von Pater Georg bildet den Abschluss der rechtlichen Aufarbeitung der Vorfälle im Kloster Ettal. Sieben Verhandlungstermine sind angesetzt, das Urteil wird am 26. März erwartet.

Kein einziger Fünftklässler

Hinter den Mauern wurden jahrzehntelang Jungen missbraucht, nun sinkt im Internat in Ettal die Zahl der Anmeldungen. Anderen Klosterschulen geht es ähnlich. Von Heiner Effern mehr ...