Mediziner im Konflikt mit der Justiz Drogenärzte auf der Anklagebank

Ein Arzt aus Kaufbeuren gibt seinen drogenabhängigen Patienten Methadon mit nach Hause, damit sie weiter zur Arbeit gehen können. Er sagt, er habe es nur gut gemeint. Das ist jedoch strafbar. Und kein Einzelfall.

Von Dietrich Mittler

Ein Tablett mit einer Heroinspritze, einem Becher mit Methadon sowie einem Gurt zum Abbinden des Blutes: Ein Heroinprojekt. (Archivbild aus Karlsruhe)

(Foto: ag.dpa)

Es ist wie ein Albtraum, der kein Ende finden will. Seit gut 20 Jahren betreut ein 59-jähriger Kaufbeurer Hausarzt auch drogenabhängige Patienten und verabreicht ihnen sogenannte Substitutionsmittel, um die Entzugserscheinungen zu lindern. Nicht selten hat er in diesen Jahren miterlebt, wie seine Klientel mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war. Für die Justiz ist der Arzt nun selbst ein Fall.

Wegen unerlaubter Abgabe von Betäubungsmitteln wurde er im April diesen Jahres zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und zu einer Geldstrafe von 40.000 Euro verurteilt. Das Strafmaß ist der Staatsanwaltschaft allerdings noch zu gering. Sie hat Berufung eingelegt. Am 3. Dezember wird der Arzt erneut vor Gericht stehen.

Aus seiner Verzweiflung macht der Kaufbeurer Hausarzt keinen Hehl. Ihm war unter anderem vorgeworfen worden, Patienten das Substitutionsmittel Methadon aus der Praxis mit nach Hause gegeben zu haben. Anderen habe er Methadon auch dann verordnet, wenn sie noch weitere Medikamente einnahmen.

Aus Sicht der Justiz ist das ein klarer Gesetzesbruch. Der Arzt wiederum sagt, er habe immer nur zum Wohle seiner Patienten gehandelt - "nach bestem Wissen und Gewissen". In keinem einzigen Fall habe er aus "merkantilem Interesse" heraus die Substitutionsmittel an die Patienten ausgegeben. Hätten sie jeden Tag zu ihm in die Praxis kommen müssen, so wären sie mit Sicherheit arbeitslos geworden. Doch das, so klagt er, habe die Staatsanwaltschaft und das Gericht nicht interessiert. Sein Bestreben sei ein anderes: "Behält der Patient seinen Arbeitsplatz und hält seine Ehe, so kann man als Arzt zufrieden sein", sagt er.

Der 59-Jährige ist beileibe kein Einzelfall. Gegen einen Kemptener Kollegen laufen derzeit ebenfalls Ermittlungen, und in Niederbayern ist kürzlich eine Substitutionsärztin per Strafbefehl mit einer hohen Geldstrafe bedacht worden - sie kämpft nun gegen den Entzug der Approbation, also gegen ein Berufsverbot. Bei Bayerns Ärzten ist die Empörung groß. "Immer öfter erreichen uns derzeit Mitteilungen, dass substituierende Ärzte in den Fokus der Gesundheitsbehörden und der Justiz gelangen", sagt Wolfgang Krombholz, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns. Die Gefahr, stetig mit einem Bein im Gefängnis zu stehen, bleibt nicht ohne Folgen. "Meine Kollegen, die noch Drogensüchtige therapieren, stehen derzeit unter einem enormen Druck", sagt der Kaufbeurer Hausarzt. Momentan sind es bayernweit etwas mehr als 300.

Stephan Walcher, der in München gemeinsam mit einem Kollegen eine Schwerpunktpraxis für Substitutionspatienten betreibt, sieht auf die drogensüchtigen Patienten Schlimmes zukommen: "Fünf Jahre lang war es recht ruhig, aber jetzt geht die Justiz in Bayern ziemlich zur Sache. Das ist der Tod der Substitutionsmedizin in der Fläche", sagt er mit Blick auf die ohnehin unterversorgten ländlichen Gebiete.

Diese Sorge treibt auch Max Kaplan um, den Präsidenten der Bayerischen Landesärztekammer: "Es besteht die Gefahr, dass Ärztinnen und Ärzte, die sich bislang noch um suchtkranke Patienten kümmern, von dieser Tätigkeit Abstand nehmen", sagt er. Doch für Justizministerin Beate Merk ist das kein Argument. Die Substitutionsmedizin sei mit gesundheitlichen Risiken verbunden und sei deshalb auch an strenge Voraussetzungen geknüpft. "Wenn gegen die verstoßen wird, brauchen wir konsequente, bei Vorsatz auch strafrechtliche Sanktionen", sagte Merk.