Landtagswahl in Bayern Warum Ude verloren hat

Erfolgreicher Oberbürgermeister, beliebt bei den Leuten, gänzlich ohne Skandale - und doch bei der Landtagswahl ohne Chance. Christian Ude hat als Spitzenkandidat der SPD krachend verloren. Fünf Gründe für die Niederlage.

Von Sebastian Gierke

Er regiert seit zwanzig Jahren. Erfolgreich. Seine Politkarriere ist ohne Skandal und Tadel. Er ist populär wie wenige andere Politiker in Bayern. München, seiner Stadt, geht es so gut, dass die anderen Metropolen Deutschlands neidisch gen Süden blicken.

Und dann das. Magere 20,5 bis 21 Prozent holt Christian Ude für die SPD der Landtagswahl in Bayern. Die Prognosen vom Wahlabend zeigen, dass es den Sozialdemokraten wenig geholfen hat, ihren beliebtesten Politiker gegen Amtsinhaber Horst Seehofer loszuschicken - der im Gegenteil seiner CSU womöglich wieder eine absolute Mehrheit verschafft hat.

Wie konnte es für Christian Ude soweit kommen?

Die Enttäuschung am Wahlabend ist das Ende einer Selbsttäuschung. Fünf Gründe für die Niederlage - und was die SPD daraus lernen kann:

  • 1. Gegenwind aus Berlin

Der Grund, der Christian Ude wohl am wenigsten schmerzen dürfte. Er hat im Wahlkampf oft darauf hingewiesen, dass er auf etwas mehr Rückenwind aus Berlin gehofft hat. Tatsächlich zieht Peer Steinbrücks holpriger Bundes-Wahlkampf im gesamten Jahr 2013 auch Ude nach unten. Noch schlimmer: die Beliebtheit von Kanzlerin Angela Merkel. Wenn Steinbrück gegen den Unionstrend nicht ankommt, wie soll es dann Ude in München mit Seehofer gelingen?

  • 2. Alleingelassen von der Bayern-SPD

Die Aufbruchstimmung ist groß, als Christian Ude 2011 antritt. Mit Ude, dem beliebten und erfolgreichen Münchner Oberbürgermeister, kann die angeschlagene CSU besiegt werden - so die Erwartung der SPD. Tatsächlich sind die persönlichen Beliebtheitswerte des Spitzenkandidaten bis zum Wahlkampfende höher als die aller Vorgänger in den vergangenen fünf Jahrzehnten. Die Partei ist euphorisiert, motiviert.

Doch je länger der Wahlkampf dauert, desto deutlicher wird, dass die bayerische SPD vor allem außerhalb der Großstädte Schwierigkeiten beim Wahlkämpfen hat - trotz Strukturreformen, die Parteichef Florian Pronold gegen Widerstände durchsetzt. In Gegenden, in denen es seit Jahrzehnten keinen SPD-Landrat oder -Bürgermeister gibt, fehlt im Gegensatz zur seit sechs Jahrzehnten regierenden CSU die Basis.

Ude versucht im Wahlkampfendspurt, die Nachteile mit persönlichem Einsatz auszugleichen, reist unermüdlich durchs Land, doch als Solo-Kämpfer kann auch er nichts ausrichten. Zu viele in der Partei haben sich auf den populären Spitzenkandidaten verlassen. Einmal kritisiert sogar Ude selbst, bei einigen Genossen lasse das Engagement zu wünschen übrig. Das Problem bestätigt jene in Bayern, die die SPD nie als Partei gesehen haben, die über genug profilierte Köpfe verfügt, um regierungsfähig zu sein. Die SPD ist für zu viele keine ernsthafte Alternative zur CSU.

  • 3. Zu schlechte Laune

Bei seinen Wahlkampfauftritten, in seinen Reden, auch im Gespräch mit Menschen ist zu spüren: Christian Ude tut sich schwer damit, wenn nicht alles läuft, wie er sich das vorstellt. Dem erfolgsverwöhnten Bürgermeister bläst Wind ins Gesicht, doch statt voranzuschreiten, wendet er sich einfach verärgert weg. Manchmal übellaunig, manchmal rechthaberisch kritisiert er beispielsweise immer wieder die Presse und wirkt manchmal schon Wochen vor der Wahl wie ein schlechter Verlierer. Der Blick in die Zukunft, seine Vision für Bayern - die kommt dabei zu kurz. Sein Image als einer, der zwar München versteht, aber nicht Bayern, bleibt so an ihm haften.

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  • 4. Seehofers erfolgreiche Taktik

Die CSU kann sich in Bayern einiges leisten. All die Affären und Skandale, die die Partei im Wahljahr beschäftigen, haben die Bayern ihr nicht sonderlich krumm genommen. Das liegt zum einen an der strukturellen Schwäche der SPD, aber auch daran, dass Horst Seehofers Taktik im Wahlkampf aufgegangen ist. Seehofer inszeniert sich als Landesvater, der es nicht nötig hat zu kämpfen - und der den Gegner nicht ernst nimmt. Seehofer erklärt schlicht, Bayern gehe es gut, das liege an der CSU. Und wer wolle, dass es so weitergeht, der müsse eben auch die CSU wählen. Der 1,93-Meter-Mann schaut im Wahlkampf über Ude einfach hinweg, und Ude ist keine sinnvolle Gegenmaßnahme eingefallen. Er vergeudet seine Chancen. Zu selten nur kann er den wendigen Seehofer stellen. Ein TV-Duell reicht da einfach nicht.

  • 5. Die Machtoption gab es nie

Immer wieder hat Christian Ude gesagt, es gebe eine ernsthafte Möglichkeit, in Bayern eine Regierung ohne die CSU zu bilden. SPD, Grüne und Freie Wähler sollten zusammenarbeiten. Sogar das Abstimmungsverhalten im Landtag hat Ude deshalb überprüfen lassen und festgestellt: In ungefähr 80 Prozent der Fälle stimmten SPD und Freie Wähler überein. Das ist allerdings so überraschend nicht für Oppositionsparteien.

2011 lag Udes Wunschbündnis in Umfragen sogar leicht vorne. Wirklich vorstellen können es sich die Wähler in Bayern trotzdem nie. Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger hat sich nie festgelegt: Mit der CSU? Oder doch mit SPD und Grünen? Die Basis der Freien Wähler kann eindeutig mehr mit den Inhalten der CSU anfangen. Der durchschnittliche niederbayerische Freie-Wähler-Anhänger hat mit einem durchschnittlichen Schwabinger Grünen-Wähler sehr viel weniger gemeinsam als mit einem CSUler. Auch inhaltlich liegen vor allem Grüne und Freie Wähler in einigen Punkten weit auseinander. Bei der Steuerpolitik zum Beispiel, aber auch beim wichtigen Thema Bildung werden im Wahlkampf Differenzen offensichtlich.

So ist nie das Gefühl aufgekommen: Die können es zu dritt packen. Eine Machtperspektive ist immer ein wichtiges Argument für die Wähler - die hat gefehlt.