Kinder inhaftierter Eltern "Weil ich ihn vermisse"

Weihnachten hinter Gittern: Kinder dürfen ihre Väter alle zwei Wochen besuchen.

(Foto: dpa)

In der Nürnberger Justizvollzugsanstalt können Gefangene mit ihren Söhnen und Töchtern spielen. Es geht nicht um Hafterleichterung, sondern um das Recht der Kinder auf ihre Väter.

Von Katja Auer

Paul will Glitzer auf seinen Christbaumanhänger, in seinem Alter, er ist jetzt sechs, hält er das noch nicht für Mädchenkram. Sein Papa gehorcht geduldig und tupft das Flitterzeug auf das Holz, das er gerade mit Wasserfarben angemalt hat. "Wie sehen Engel aus?", fragt ein Bub am Nachbartisch. Wären da nicht die Gitter vor den Fenstern, es könnte ein normaler Bastelnachmittag sein.

Weil es das aber nicht ist, heißt Paul in Wirklichkeit anders, und auch die Väter in der Runde wollen nicht erkannt werden. Alle zwei Wochen haben sie zwei Stunden mit ihren Kindern, in der Vater-Kind-Gruppe können sie miteinander reden, spielen, basteln. Wie in einer ganz normalen Familie. Als ob die Väter nicht in ihrer blauen Kluft zurück in die Zellen müssten, als ob sie nicht noch eine Zeit abzusitzen hätten in der Justizvollzugsanstalt Nürnberg.

"Ein normaler Besuch ist für die Kinder eher abschreckend, weil er nicht kindgerecht ist", sagt Beate Wölfel. Die Sozialpädagogin vom Treffpunkt, der Beratungsstelle für Angehörige von Inhaftierten, organisiert die Gruppe zusammen mit einer Kollegin der JVA und versucht, die Kinder vergessen zu lassen, wo sie ihre Väter treffen. In dem Zimmer stapeln sich Spielsachen, an diesem Tag hat jeder einen Nikolaus bekommen.

Der normale Besuchsraum ist kahl, Stuhl an Stuhl sitzen sich Gefangene und Besucher in einer Reihe gegenüber und richtig kuscheln geht nur, wenn der wachhabende Beamte großzügig in die andere Richtung schaut. In der Vater-Kind-Gruppe darf gekuschelt werden. Wölfel und ihre Kolleginnen wissen um die Bedürfnisse der Kinder. Vor 20 Jahren wurde der Treffpunkt als erste derartige Beratungsstelle in Deutschland gegründet. Dass der Bedarf da ist und längst nicht ausreicht, hat gerade das europaweite Coping-Projekt belegt, das erstmals die Situation von Kindern inhaftierter Eltern in vier Ländern untersuchte. Justyna Bieganski vom Treffpunkt arbeitete daran mit.

"Es geht nicht um eine Hafterleichterung für den Vater, sondern um das Recht des Kindes auf seinen Vater", sagt sie. Zum ersten Mal sei nicht über, sondern mit den Kindern gesprochen worden. 100.000 Betroffene gibt es in Deutschland. Die Untersuchung habe ergeben, dass diese Kinder im Vergleich zu ihren Altersgenossen mehr psychische und auch körperliche Probleme hätten. "Nach außen hin haben wir alle so getan, als wäre alles normal", erzählt eine Elfjährige in der Befragung. Innerlich war es das nicht. "Es gab halt mehr Stress", sagt das Mädchen. Viele Kinder bekommen Schwierigkeiten in der Schule, oft fehlt das Geld, dazu kommt die Sorge um die überforderte Mutter. Und die ewige Heimlichtuerei. Die Frauen erzählten alles mögliche, sagt Bieganski, aber kaum eine gebe zu, dass ihr Partner im Gefängnis sitzt. Zu groß ist die Angst vor der Stigmatisierung. Die Kinder schweigen mit.