Kaufbeuren Neonazi prügelt Kasachen zu Tode

Sieben Männer aus Thüringen randalieren auf einem bayerischen Volksfest. Ein 34-jähriger unbeteiligter Kasache wird dabei verletzt und stirbt kurz darauf. Der mutmaßliche Täter ist wegen rechtsmotivierter Taten polizeibekannt.

Die Schlägerei beginnt hinter dem Festzelt. Im bayerischen Kaufbeuren provoziert eine siebenköpfige Gruppe aus Thüringen drei Spätaussiedler, die Sache eskaliert, es gibt Verletzte. Ein in Kaufbeuren wohnender Kasache hat mit dem Ganzen nichts zu tun, aus reiner Neugier folgt der 34-Jährige den Sicherheitsleuten. Doch unvermittelt wird er von einem 36-jährigen Schläger angegriffen, er geht zu Boden. Kurze Zeit später verstirbt er im Krankenhaus.

Die Polizei nimmt den Angreifer auf dem Volksfest fest. Er soll als einziger aus der Gruppe mit rassistischen Sprüchen provoziert haben. Der Mann, der der Polizei wegen "Verwenden von Zeichen verfassungsfeindlicher Organisationen" bekannt ist, kam noch am Freitag vor den Haftrichter. Das Gericht erließ Haftbefehl wegen des dringenden Verdachts des Totschlags. Nach Informationen der Augsburger Allgemeinen hat der Schläger bereits mehrere rechtsmotivierte Taten begangen: Im vergangenen Jahr sei er während eines Volksfestes in einem Bierzelt mit einem DJ aneinandergeraten, nachdem er "Heil Hitler" gerufen und den Arm zum Hitlergruß gereckt hatte.

Trotz der Vorgeschichte des 36-Jährigen wollten die Beamten zunächst keinen Zusammenhang zwischen seiner Gesinnung und der Nationalität des Opfers herstellen. Polizeisprecher Jürgen Krautwald sagte der Augsburger Allgemeinen, der seit Jahren in Kaufbeuren lebende Mann habe sich mit dem Angreifer nicht gestritten: "Wir können daher zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, dass die Tat im Zusammenhang mit einem rechtsmotivierten Hintergrund steht". Auch Angaben zum Alter und zur Herkunft der Festgenommenen wolle die Polizei erst machen, wenn der Tatverdacht im Laufe der Ermittlungen bestätigt ist. Dies sei "ermittlungstaktischen Gründen" geschuldet, sagte Krautwald der Zeitung.

Die Münchner Anti-Neonazi-Initiative Aida kommentiert den Vorfall in Kaufbeuren am Freitag. "Nach dem Mord hat die Polizei in der Pressemitteilung zuerst den rassistischen Hintergrund der Angriffe und den rechten Hintergrund des verhafteten 36-Jährigen verschwiegen", heißt es auf ihrer Webseite. In einer ersten Pressemitteilung der Polizei war von den rechtsradikal motivierten Taten des Schlägers nichts zu lesen. Nachdem man allerdings Zeugen vernommen hatte, die von seinen rassistischen Äußerungen berichteten, sei diese Information am Freitag ergänzt worden, sagte Christian Owsinski vom Polizeipräsidium Schwaben Süd/West in Kempten am Samstag zu SZ.de.

Die sieben Männer der Schlägergruppe, 22 bis 53 Jahre alt und aus Thüringen, arbeiten zurzeit auf Baustellen in der Region. Aida merkt dazu an: "Auch Neonazis aus Thüringen betreiben ein solches Gewerbe mit Einsätzen in Bayern." Der Thüringer Neonazi André K. soll demnach mit Neonazis aus Altenburg und Jena für überregionale Bau- oder Montageaufträge aktiv sein. Aida beruft sich dabei auf Informationen von Katharina König, Linken-Abgeordnete im thüringischen Landtag. André K. war bis zum Untertauchen des NSU-Trios in den Neunziger Jahren ein Kamerad von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe gewesen. In Jena war er neben Ralf Wohlleben eine Führungsfigur der rechten Szene, heißt es in diesem SZ-Artikel.

Ob die Baufirma, bei der die sieben Schläger arbeiten, mit der rechten Szene in Beziehung steht, könne derzeit "weder ausgeschlossen noch bestätigt werden", schränkt Aida ein. Die Initiative zeigt sich jedoch alarmiert. Sie erinnert an einen Fall aus dem Jahr 2008. Damals erstach ein Mann in Memmingen einen 40-Jährigen mit einem Bajonett. Die beiden Männer hatten im gleichen Mehrfamilienhaus gelebt. Wie die Augsburger Allgemeine damals berichtete, hatte es häufiger Streit über die Musik des Angreifers gegeben, da deren Texte "rechtsradikal orientiert" gewesen seien. Der Täter wurde zu einer mehrjährigen Haft verurteilt. Ein rechtes Motiv sahen die Richter damals nicht.

Die Staatsanwaltschaft Kempten hat für die nächsten Tage eine Obduktion des getöteten Kasachen angeordnet. Der Festverein und die Stadt Kaufbeuren wollen des Opfers am Samstag mit einem Gottesdienst und einem Schweigemarsch gedenken. Die Feierlaune ist in Kaufbeuren vielen vergangen. Im Gästebuch des Tänzelfestes ist unter anderem zu lesen: "Rassismus ist ein Verbrechen. Ein Mensch ist gestorben, weil er einem anderen nicht gepasst hat aufgrund seiner Herkunft. Wie zur Hölle könnt ihr bitte einfach weiterfeiern??"