Ermittlungen zur Neonazi-Mordserie Neue Durchsuchung bei weiterem NSU-Beschuldigten

Ein alter Bekannter des Trios des "Nationalsozialistischen Untergrunds" rückt offenbar erneut ins Visier der Ermittler: Andre K. verübte Gewalttaten, gilt in der Szene als Mann der Faust. Aber hatte er überhaupt Kenntnis vom NSU?

Von Tanjev Schultz

Kurz nach dem Auffliegen der Terrorzelle NSU ging der Thüringer Neonazi Andre K. von sich aus zur Polizei. Er wolle aufwendige polizeiliche Maßnahmen bei ihm und seiner Familie vermeiden, sagte er. Lange Zeit schien es so, als bliebe er nun tatsächlich davon verschont. Doch vor wenigen Tagen war Schluss mit der Ruhe. Ermittler durchsuchten das Auto und die Wohnräume von Andre K. Er rückte in den Status eines Beschuldigten im laufenden NSU-Verfahren.

Anlass für die Razzia war der Verdacht, dass sich Andre K. am 4. November 2011 in der Nähe des Wohnmobils aufgehalten hat, das die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Eisenach abgestellt hatten. Mundlos und Böhnhardt überfielen an dem Tag eine Bank, anschließend brachten sie sich in dem Wohnmobil selbst um. Ein Handy, das offenbar Andre K. zugeordnet werden konnte, war an dem Tag in der Nähe des Ortes eingeloggt, an dem das Wohnmobil stand. Ermittler können so etwas anhand der in Funkzellen eingewählten Mobiltelefone herausfinden.

Die Bundesanwaltschaft bestätigte am Samstag die Durchsuchungen, nannte aber nicht den Namen von Andre K. Außerdem relativierte sie den Verdacht: Die weiteren Ermittlungen würden bisher darauf hindeuten, dass es einen "unverfänglichen Grund für den Aufenthalt des Beschuldigten in dieser Funkzelle" gebe. Der Beschuldigte wurde wegen des Anfangsverdachts der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vernommen. Eine Festnahme ist nicht erfolgt. Andre K.s Anwalt sagte dem Magazin Focus, die betreffende Funkzelle liege nun einmal nah an der Autobahn, auf der Andre K. an jenem Tag gefahren sei.

Nur ein schlechter Krimi?

Womöglich hat K. also schon bald wieder Ruhe vor der Polizei. Dabei hatten viele, vor allem aus der Antifa-Szene, nach dem Auffliegen des NSU fest damit gerechnet, dass sich K. irgendwann vor Gericht verantworten müsste. Denn bis zum Untertauchen des NSU-Trios war Andre K. ein enger Kamerad von Mundlos, Böhnhardt und Beate Zschäpe gewesen. In Jena war er neben Ralf Wohlleben eine Führungsfigur der rechten Szene. Wohlleben sitzt in Untersuchungshaft, er ist angeklagt wegen Beihilfe zu neun Morden. Dem NSU werden insgesamt zehn Morde zugeschrieben.

Der 37 Jahre alte Andre K. gehörte schon Anfang der Neunzigerjahre zur Neonazi-Szene in Jena, später trat er auch in die NPD ein. Anfang des Jahrtausends hauste K. gemeinsam mit anderen Rechtsextremisten im berüchtigten "Braunen Haus" in Jena. Wohlleben lebte zeitweise auch dort. Das NSU-Trio war bereits 1998 untergetaucht. Wohlleben soll anschließend Hilfe für das Trio koordiniert haben. Andre K. wird in der rechten Szene beschuldigt, damals gesammmeltes Geld zur Unterstützung des Trios unterschlagen und für sich selbst abgezweigt zu haben. Andre K. hat das bestritten.

In seiner Vernehmung Ende 2011 hat er beteuert, den Namen NSU ("Nationalsozialistischer Untergrund") zuvor nie gehört zu haben. Er habe erstmals aus der Presse davon erfahren, nachdem Mundlos und Böhnhardt sich umgebracht und Zschäpe sich bei der Polizei gestellt hatte. "Das hört sich alles an wie ein schlechter Krimi. Ich habe das denen nie zugetraut", sagte der Montage-Arbeiter Andre K. Er habe nach 1998 überhaupt keinen Kontakt mehr zu dem Trio gehabt.

Der korpulente K. steht nicht im Ruf, zimperlich zu sein. Er war beteiligt an Gewalttaten, in der Szene gilt er als Mann der Faust. Vermeintliche Brüder im Geiste sprechen keineswegs immer gut über ihn, ein bundesweit führender Neonazi hat einmal gesagt, K. sei eigentlich eine "Karikatur". Man brauche nur Minuten, bis Andre K. einem unsympathisch sei. Das allein macht ihn allerdings noch nicht zu einem Mitwisser und Unterstützer des NSU.