Unfall zwischen Ingolstadt und München Eine Nacht im ICE

Die Oberleitung der Bahnstrecke nahe Baar-Ebenhausen muss repariert werden. Sie wurde beim Zusammenprall zwischen ICE und Baum heruntergerissen.

(Foto: dpa)

Um 22.45 Uhr sollte der Zug aus Rügen eigentlich am Münchner Hauptbahnhof ankommen - daraus wurde 4.22 Uhr. Der ICE rammte einen Baum, der auf der Strecke lag. Die Folgen für die Fahrgäste: sechs Stunden Wartezeit, ohne Strom, Toiletten und Klimaanlage.

Von Wolfgang Wittl, Ingolstadt/München

Bis Ingolstadt ging die Rückkehr aus dem Wochenende zügig voran. Den größten Teil der gut 800 Kilometer langen Strecke hatte der ICE 1715 bereits hinter sich gebracht, nur noch 70 Kilometer fehlten vom Startort Binz auf der Ostseeinsel Rügen bis zum Ziel in München. Geplante Ankunftszeit: Sonntag, 22.47 Uhr. Tatsächlich wurde daraus Montag, 4.22 Uhr.

Die Begleiterscheinungen: eine stundenlang gesperrte Strecke, umgeleitete und verspätete Züge, genervte Fahrgäste sowie Reparaturen, die noch den ganzen Montag andauern sollten. Das alles wegen eines Baums, von dem auch einen Tag später niemand so recht wusste, wie er auf den Gleisen gelandet war.

Niemand durfte den Zug verlassen

Der Unfall im oberbayerischen Landkreis Pfaffenhofen traf die Zugführer offenbar völlig unvermittelt. Wie schnell genau der ICE zwischen Baar-Ebenhausen und Rohrbach unterwegs war, vermochte eine Sprecherin der Deutschen Bahn nicht zu sagen. Auf jeden Fall waren es mehr als hundert Kilometer in der Stunde, mit denen der Zug einen auf der Strecke liegenden Baum sonntags um 22.15 Uhr rammte. Der Baum wurde nach oben geschleudert, mitgezogen und riss auf einer Länge von etwa 750 Meter die Oberleitung von den Masten. Verletzt wurde niemand.

Die meisten der 235 Fahrgäste merkten schnell, dass der Unfall größere Folgen haben würde. Eine Reisende schildert, wie sie während der Notbremsung eine Art Schleifen über dem Dach wahrgenommen habe. Verlassen durften die Gäste den Zug nicht. Aus Sicherheitsgründen verzichtete die Bahn auf eine Evakuierung. Einerseits war das Gelände in dunkler Nacht und freier Natur schwer zugänglich, vor allem aber ging Gefahr von den abgerissenen Oberleitungen aus. Die Kabel seien schwierig zu erden gewesen, man habe kein Risiko eingehen wollen.

Der ICE prallte gegen einen umgestürzten Baum auf den Gleisen. Dabei wurde die Oberleitung auf einer Länge von 750 Metern von den Masten gerissen.

(Foto: dpa)

Für die Passagiere bedeutete dies eine unvorhersehbare Wartezeit. Nachdem der erste Gedanke, den ICE zu räumen, verworfen war, sollte der Zug an den nächsten Bahnhof geschleppt werden. Allerdings standen dort bereits weitere Fahrgäste, die auf ihren Zug warteten. Auch hinter dem verunglückten ICE bildete sich ein Stau - alles in allem zu viele Reisende, um sie mit Ersatzfahrzeugen an den gewünschten Zielort zu befördern. Wohl auch wegen des Oktoberfestes war es für die Bahn schwierig, eine ausreichende Anzahl von Bussen zu organisieren. Die meisten Gäste mussten in Großraumtaxis steigen.

Der ICE sollte schließlich mit einer Diesellok abgeschleppt werden. Bis diese um 3.16 Uhr eintraf, fielen mangels Strom nach und nach die Systeme aus. Reisende wurden darauf hingewiesen, noch einmal die Toilette zu benutzen, ehe deren Dienst versage. Türen blieben lieber zu - man fürchtete, sie nicht mehr schließen zu können. Auch die Klimaanlage setzte aus. Frischluft gab es bis auf weiteres keine.

Schaden am Zug allein beträgt 50.000 Euro

"Ein bisschen apokalyptisch" sei die Situation im ICE gewesen, berichtet ein Passagier. Die Zugbegleiter jedoch hätten sich zuvorkommend und freundlich verhalten. Sie verschenkten während des unfreiwilligen Stopps nicht nur Essen und Getränke, sondern verteilten bereits Formulare für die Erstattung von Fahrtkosten. Später gab es weitere Vordrucke, mit denen sich die Geschädigten Geschenke für die Unannehmlichkeiten schicken lassen konnten. Die Bahn bedauere den Vorfall, sagte eine Sprecherin, auch wenn es sich um höhere Gewalt handele. Ob der Baum durch Wind, Regen oder andere Einflüsse umfiel, war zunächst unklar. Allein der Schaden am Zug soll 50 000 Euro betragen.

Für den Zugverkehr resultierten aus dem Unfall zahlreiche Einschränkungen. In Richtung München fahrende Fernzüge mussten über Augsburg umgeleitet werden, nach Norden lief der Verkehr normal weiter. Regionalzüge konnten nur eingleisig in beide Richtungen fahren, nachdem die ersten Schäden beseitigt waren. Allerdings kam es immer wieder zu Verspätungen. Erst diesen Dienstag sollte der Normalbetrieb wieder aufgenommen werden.