Hochwasserschutz an der Donau Werbung für die Polder

Ein Überblick über die geplanten Hochwasserbecken (SZ Grafik)

Wie kann eine erneute Katastrophe verhindert werden? Darum soll es bei einer Gesprächsreihe zwischen Landräten und Bürgermeistern aus dem Donauraum und Umweltministerin Scharf gehen. Die Reaktionen sind am Ende so gemischt wie das Publikum.

Von Wolfgang Wittl, Deggendorf

Wo in Bayern ließe sich besser für Hochwasserschutz werben als in der Region, die im vergangenen Jahr am meisten von den Jahrhundertfluten betroffen war? Schäden von 1,3 Milliarden Euro verursachte die Katastrophe im Freistaat, 500 Millionen Euro allein im Kreis Deggendorf. Nun sitzen Landräte, Bürgermeister und Interessensvertreter aus dem bayerischen Donauraum in der Deggendorfer Stadthalle, um sich von Umweltministerin Ulrike Scharf und ihren Experten erklären zu lassen, wie sich so ein Desaster künftig verhindern lässt. Die Reaktionen sind am Ende so gemischt wie das Publikum.

"Hochwasserdialog vor Ort" nennt sich die Gesprächsreihe, die am Freitag ihren Auftakt fand und Anfang kommenden Jahres an mehreren Orten entlang der Donau fortgesetzt wird - überall dort, wo gesteuerte Flutpolder entstehen sollen. Denn um sie geht es vor allem in dieser Debatte. Riesige Becken sollen im Notfall geflutet werden, um der angeschwollenen Donau die Spitzen zu nehmen. Unterlieger wie Deggendorf und Passau sollen so die entscheidenden Zentimeter im Kampf gegen die Naturgewalten gewinnen. 136 Millionen Kubikmeter Wasser können die zwölf von der Staatsregierung geplanten Polder aufnehmen. "Wir brauchen so große Maßnahmen, ohne die geht es nicht", sagt Peter Rutschmann von der TU München.

Unter Wasser

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"Was habt ihr denn gemacht?"

Mit erschütternden Bildern aus dem vergangenen Jahr werden die Anwesenden eingestimmt, wohl auch deshalb, um erst gar keine Zweifel an der Notwendigkeit von Poldern aufkommen zu lassen. Zügig müssten die Pläne nun umgesetzt werden, appelliert Ministerin Scharf: "Sonst sagen die Leute beim nächsten Hochwasser zurecht: Was habt ihr denn gemacht?"

Markus Hörner wird diese Frage wohl auch stellen, wenn auch aus anderem Blickwinkel. Hörner ist Sprecher der "Interessengemeinschaft gegen Flutpolder", die sich gegen zwei geplante Becken im Landkreis Regensburg wehrt. Er hoffe auf einvernehmliche Lösungen für alle Beteiligten, sagt Hörner vor der Veranstaltung, um hinterher "irritiert" festzustellen, dass die zwölf Polder "offenbar bereits beschlossene Sache sind". Wie Landrätin Tanja Schweiger befürchtet Hörner, dass die Polder einen weiteren Anstieg des ohnehin hohen Grundwassers verursachen und die Keller im Raum Regensburg künftig noch schneller volllaufen lassen.

Vertrauen in die Technik

Das Problem sei in den Griff zu bekommen, versichern Fachleute wie Claus Kumutat, der Präsident des Landesamts für Umwelt. Ministerin Scharf garantiert sogar: "Ich sage Ihnen definitiv zu, dass Sie kein Wasser im Keller haben werden." Hörner bleibt skeptisch: Das habe es damals beim Ausbau des Main-Donau-Kanals auch geheißen, die Realität habe anders ausgesehen. Er verstehe die Sorgen, sagt Landkreistagspräsident Christian Bernreiter aus Deggendorf, doch man müsse Vertrauen haben in die Technik.

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Auch andere Teilnehmer äußern Bedenken: Sie fordern ein besseres Staustufenmanagement, man müsse die Energieversorger stärker in die Verantwortung nehmen. Landwirte, die ihren Grund für Polder zur Verfügung stellen (aber weiter bewirtschaften können), wünschen sich eine Ausnahme von der Ausgleichsflächenregelung. Scharf sichert ihnen eine hundertprozentige Entschädigung bei Ernteausfällen zu. Für die Bereitstellung des Bodens erhalten die Bauern zudem eine Zahlung von 20 Prozent vom Verkehrswert der Fläche. Lokalpolitiker kritisieren mangelnde Kommunikation seitens des Ministeriums, Naturschützer fordern einen umweltgerechten Hochwasserschutz, der bereits an kleinen Bächen beginnt.

Jede Anregung werde aufgegriffen, verspricht Scharf. 3,4 Milliarden Euro investiere der Freistaat in den nächsten Jahren in einen umfassenden Hochwasserschutz, besonders dringlich sei ein funktionierendes Poldersystem. Darüber, sagt ein Gast, werde dann allerdings wohl erst so richtig bei den Besuchen an den jeweiligen Standorten gestritten.