Flüchtlinge Was an der Grenze zu Österreich passiert

In der Nähe des Grenzübergangs Passau wärmen sich Flüchtlinge am Feuer. In der Nacht auf Sonntag waren sämtliche Notquartiere belegt.

(Foto: Hubert Denk)
  • Die Situation an der Grenze zu Österreich spitzt sich zu: Flüchtlinge mussten die Nacht im Freien verbringen.
  • Hilfsorganisationen und Behörden vor Ort wissen oft nicht, wann weitere Menschen eintreffen.
  • Allein am Montag wurden knapp 10 000 Menschen registriert.
Reportage von Lisa Schnell, Dietrich Mittler und Anne Kostrzewa, München/Wegscheid

Gerade hat Marc Pierburg einem Kollegen geholfen, der beinahe zusammengebrochen wäre. Bei einigen hat es "psychisch ordentlich geknackst", erzählt er am Telefon. Pierburg hilft ehrenamtlich an der bayerisch-österreichischen Grenze in Simbach, wo sich mittlerweile Szenen abspielen, die man vor kurzem nicht für möglich gehalten hätte. "Ich möchte nicht erleben, dass hier Menschen sterben", sagt er.

Am Dienstag hat es fast so ausgesehen, als könnte das passieren: Auf der Alten Innbrücke, die Bayern und Österreich verbindet, stauten sich die Flüchtlinge. "Open, open", hörte Pierburg sie skandieren. Es klang als würden sie jemanden anfeuern. Dann sah er zwei Männer, wie sie kopfüber von der Brücke in den eiskalten Inn sprangen.

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Mehr als drei Grad dürfte das Wasser nicht gehabt haben, schätzt Pierburg. "Nach etwa einer Minute ist der Körper so unterkühlt, dass es bedrohlich wird", sagt er. Die zwei hatten Glück. Sie konnten sich am Fuße des Brückenpfeilers festklammern. Nach einem "massiven Großeinsatz" von Rettungskräften zog sie die österreichische Feuerwehr unterkühlt aus dem Wasser, erzählt Pierburg. Von Verzweiflung und Chaos berichtet auch Josef Lamperstorfer, Bürgermeister vom Grenzort Wegscheid.

Sie sollen die Polizei einfach überrannt haben

Letzte Nacht seien etwa 2000 Flüchtlinge "durchgebrochen", sagt Lamperstorfer. Sie sollen die Polizei einfach überrannt haben und in Richtung Deutschland gelaufen sein. Der Strom hätte aber einigermaßen kanalisiert werden können. Etwa 9700 Flüchtlinge hatte die Bundespolizei am Montag registriert, so viel wie an keinem anderen Tag im Oktober.

Die Weiterverteilung von der Grenze zu den bereitgestellten Unterkünften habe "gut funktioniert", heißt es aus München. Lamperstorfers Erzählung hört sich etwas anders an. Die notdürftig für Flüchtlinge hergerichtete Halle in Wegscheid sei zwar beheizt, doch "Vorrichtungen zur Übernachtung" gebe es dort nicht. Und auch nicht genügend Platz. Etwa 1100 Flüchtlinge kamen nicht mehr unter, erzählt er.

Mitten in der Nacht seien sie deshalb, begleitet von der Bundespolizei, auf der Bundesstraße 388 weitermarschiert. "Die Kinder konnten nicht mehr", sagt er. Sie übernachteten in einem Zelt auf einem Parkplatz, dass das Rote Kreuz dort aufbaute. Der Rest habe draußen in der Kälte gestanden - bis irgendwann Busse kamen. In der Früh um 5.30 Uhr sei der letzte in den Bus gestiegen, sagt Lamperstorfer. Er unterbricht seine Erzählung. "Da kommt schon wieder ein Bus", sagt er. Ein Doppeldecker aus Österreich, gefüllt mit 80 bis 100 Flüchtlingen.

Vielleicht müssen wieder Menschen im Freien schlafen

Insgesamt 22 Busse seien für den Dienstag angekündigt gewesen. "Es ist möglich, dass wieder welche im Freien übernachten müssen", sagt er. Die österreichischen Polizisten hätten die Anweisung, die Busse sofort zu leeren, ohne Rücksicht darauf, ob auf deutscher Seite genügend Kapazitäten frei seien.

Die Zusammenarbeit mit den Beamten aus Österreich sei nach wie vor "unkoordiniert", heißt es von der Bundespolizei. Kommen, wie in den letzten Tagen, immer mehr Menschen auf einmal herüber, gebe es zwangsläufig Wartezeiten. Das seien Massen, die nicht mehr zu schaffen seien, sagt Bürgermeister Lamperstorfer und: "Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt."

Der Passauer Landrat Franz Meyer (CSU) hat ebenfalls noch die Bilder der Nacht zum Dienstag vor Augen. "Es ist unglaublich, das ist eine Völkerwanderung größten Ausmaßes", fasst er die erdrückende Situation in der "Tagesschau" zusammen. Meyer hat am Dienstag einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschrieben - mit dem deutlichen Hinweis, dass "bei einer weiteren Zuspitzung der Lage der Landkreis für Leib und Leben der Flüchtlinge keine Garantie" mehr übernehmen könne. Gleiches gelte für die öffentliche Sicherheit. Meyers Telefonhörer müsste glühen, so intensiv spricht er derzeit mit oberösterreichischen Politikern.

Verlässliche Informationen sind schwer zu bekommen

Doch auch die oberösterreichischen Stellen wissen offenbar nicht, wie viele Flüchtlinge wann und wo mit den Bussen an der deutsch-österreichische Grenze ankommen. Am Telefon höre der Landrat, wie sein Sprecher betont, oft diesen Satz: "Das Ganze wird von Wien, vom Innenministerium aus, gesteuert."

Verlässliche Informationen könne man nur dann bekommen, wenn sich Berlin und Wien direkt austauschten. Beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) hat indes das Vertrauen in die Politik gelitten. "Das ist ein solches Chaos. Da schauen wir jetzt nicht mehr zu", sagt BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk. Er habe nun mit dem Österreichischen Roten Kreuz (ÖRK) eine Vereinbarung getroffen. "Ich habe mit den Kollegen in Wien den ganzen Morgen über telefoniert. Wir haben vereinbart, dass wir von denen Lagemeldungen über die Busbewegungen in Österreich bekommen."

Indes, ganz sicher ist sich auch Stärk nicht mehr, ob die österreichischen Rotkreuzler noch umfassend vom Innenministerium in Wien informiert werden. "Aber das ist bislang nur ein Eindruck", sagt er. Wenig Verständnis hat er derzeit dafür, dass die deutschen Bundespolizisten in der Regel nur maximal 50 Flüchtlinge pro Stunde über die Grenze ließen. "Das staut sich auf österreichischer Seite, und am Ende gehen die Leute dann irgendwo über die grüne Grenze zu uns - völlig unkontrolliert." So aber ließen sich nicht vernünftige Hilfsmaßnahmen organisieren. Und bald werde es bitterkalt.

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