Fall Mollath Warum die Hypo-Vereinsbank geschwiegen hat

Das von der untergehenden Sonne angestrahlte Hochhaus der Hypo-Vereinsbank in München (Archivbild)

(Foto: dpa)

Ein interner Revisionsbericht der Hypo-Vereinsbank hätte Gustl Mollath womöglich einiges ersparen können: Mittlerweile sitzt der Nürnberger seit sieben Jahren in der Psychiatrie, weil ihm Wahnvorstellungen nachgesagt wurden. Nun äußert sich die Bank erstmals zu dem Fall - und schildert, wieso der Bericht nie den Weg zur Justiz gefunden hat.

Von Olaf Przybilla und Uwe Ritzer, Nürnberg

Werner Sprißler, 67, ist nicht irgendwer im deutschen Bankensystem. Er ist stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Hypo-Vereinsbank (HVB), die zwar zur italienischen Unicredit gehört, gemessen an ihrer Bilanzsumme hierzulande aber immerhin die drittgrößte Privatbank ist. Von 2006 bis 2008 war Sprißler HVB-Vorstandschef; zuvor war er im Vorstand unter anderem für die interne Revision zuständig. Deshalb war Sprißler Anfang 2003 ranghöchster Adressat eines Revisionsberichts, der im Fall Mollath eine zentrale Rolle spielt.

Dem vertraulichen Dokument zufolge hatten HVB-Prüfer viele Vorwürfe bestätigt gefunden, die Mollath gegen seine Ex-Frau und weitere Mitarbeiter der Bank erhoben hatte. Es ging um Schwarzgeld- und andere dubiose Geldgeschäfte für reiche Kunden in der Schweiz. Die Hypo-Vereinsbank trennte sich von den Mitarbeitern. Den Revisionsbericht hielt sie geheim; erst Ende 2012 wurde der brisante Inhalt bekannt.

Hatte die Bank damals Angst vor negativen Schlagzeilen? Wollte sie Kunden schützen, vor allem jene bekannte Persönlichkeit, von der im Revisionsbericht die Rede ist? Und vor allem: Wer hat entschieden, den Bericht unter Verschluss zu halten? Wolfgang Sprißler?

Bis dato geizte die HVB mit Erklärungen. Man habe damals festgestellt, so hieß es lediglich, dass sich Mitarbeiter "weisungswidrig verhalten haben" und ihnen daraufhin gekündigt. Die Prüfung habe "keine ausreichenden Erkenntnisse für strafrechtliches Verhalten von Mitarbeitern" ergeben. Und mit dem weiteren Verlauf im Fall Mollath habe das alles nichts zu tun.

Kein Grund für Mitleid

Nun äußerte sich die HVB auf SZ-Anfrage erstmals ausführlicher. Nicht Sprißler, sondern "die unabhängig agierenden Geldwäschebeauftragten" der HVB und der involvierten Bethmann Bank hätten 2003 entschieden, keine Strafanzeige zu stellen, so ein HVB-Sprecher. Im Übrigen sei jeder Revisionsbericht dieser Art ein "internes Dokument", das "vertraulich behandelt wird".

Rechtlich war die HVB tatsächlich nicht verpflichtet, Strafanzeige zu stellen. Gustl Mollath hätte es jedoch vermutlich geholfen, hätte die Justiz den Revisionsbericht gekannt. Denn dann hätten Richter und Sachverständige seine Schwarzgeldgeschichten wohl kaum als Ausdruck von gefährlichem Wahn darstellen können. Grund für ein Wort des Bedauerns sieht die Bank dennoch nicht.

"2003 war für niemanden abzusehen, dass unser Revisionsbericht in einem späteren Strafverfahren gegen Herrn Mollath und bei seiner Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung im Jahr 2006 eine Rolle spielen könnte", heißt es in einer neuen HVB-Stellungnahme. Außerdem sei Mollath für Straftaten verurteilt worden, "mit denen unsere Bank ersichtlich nichts zu tun hatte" und die in keinem Zusammenhang mit den Sachverhalten im Revisionsbericht stünden.

"Unzweifelhaft besitzt er Insiderwissen"

Dabei hatten die Prüfer viele Hinweise Mollaths bestätigt gefunden, die ihm Staatsanwaltschaft und später das Gericht nicht glauben wollten. "Die Anschuldigungen des Herrn Mollath klingen in Teilbereichen zwar etwas diffus", notierten die HVB-Revisoren, "aber unzweifelhaft besitzt er Insiderwissen." Und: "Alle nachprüfbaren Behauptungen haben sich als zutreffend herausgestellt."

Als harter Gegner für die Revisoren erwies sich Mollaths Ex-Frau, die zu den Vorgängen schweigt. Auch gegenüber den Prüfern gab sie sich 2003 wortkarg. So stießen die Revisoren an Grenzen. Der Frau wurde gekündigt; vor dem Arbeitsgericht erstritt sie jedoch eine Abfindung.