Domspatzen Regensburger Bischof bricht Schweigen: "Tut mir in der Seele weh"

Rudolf Voderholzer ist seit drei Jahren Bischof in Regensburg.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer gesteht Fehler bei der Aufklärung des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen ein.
  • Opfervertreter Michael Sieber will die Aussagen des Regensburger Bischofs noch nicht kommentieren.
Von Andreas Glas, Regensburg

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer hat sein Schweigen gebrochen und eigene Fehler bei der Aufklärung der Fälle von Missbrauch und Misshandlung bei den Domspatzen eingeräumt.

"Bedauerlicherweise waren die in der Vergangenheit unternommenen Versuche einer Selbstkorrektur zu wenig wirksam", sagte Voderholzer am Sonntagnachmittag im Regensburger Dom, wo er den dritten Jahrestag seiner Bischofsweihe feierte.

In seiner Ansprache kritisierte der Bischof außerdem diejenigen, die Prügelstrafen als legitime Form der Erziehung der Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahre verteidigen. Dieses Argument, sagte Voderholzer, "rechtfertigt in keiner Weise die Exzesse körperlicher Züchtigung, wie wir sie beklagen müssen, und erst recht nicht die Fälle sexueller Gewalt, die zutage getreten sind".

Bereits vor einem Jahr bat Voderholzer die Opfer um Verzeihung

Die Ansprache des Regensburger Bischofs überrascht nicht nur in ihrer Deutlichkeit, auch der Zeitpunkt kommt unerwartet. Noch vor wenigen Tagen hatte Voderholzer angekündigt, sich erst öffentlich zu äußern, wenn er im Rahmen eines Kuratoriums mit Opfervertretern gesprochen habe. Das Kuratorium ist für den kommenden Montag angesetzt - auf Initiative des Rechtsanwalts Ulrich Weber, den das Regensburger Bistum damit beauftragt hat, die jahrzehntelangen Misshandlungen und die sexuellen Übergriffe durch Priester, Lehrer und Erzieher aufzuklären.

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Ulrich Weber hatte vor gut zwei Wochen einen Zwischenbericht vorgelegt, wonach zwischen 1953 und 1992 mindestens 230 Domspatzen körperlich misshandelt und weitere 50 Buben sexuell missbraucht worden seien. In acht Monaten hatte der Anwalt damit viermal so viele Opfer ermittelt wie das Bistum zuvor in fünf Jahren. Dazu kommt, dass sich in den vergangenen Tagen weitere 60 Betroffene bei Weber gemeldet haben sollen.

Bereits vor einem Jahr hatte Rudolf Voderholzer die Opfer um Verzeihung gebeten, er war damals aber nicht näher auf seine eigenen Versäumnisse bei der Aufklärung eingegangen. "Es schmerzt mich und tut mir in der Seele weh. Jeder einzelne Fall, hinter dem ja ein Mensch steht, eine Kinderseele in diesen Fällen, schwer gequält, oft für das Leben gezeichnet. Ich kann es nicht ungeschehen machen und die Betroffenen nur um Vergebung bitten", wiederholte Voderholzer am Sonntagnachmittag im Dom - und erneuerte sein Angebot, mit den Opfern "zu reden, sie anzuhören und mich ihrem Leid zu stellen, wenn es ihnen hilft".

Kein Kommentar von Opfervertreter Michael Sieber

Auch den Aufklärer Weber lobte der Bischof in seiner Ansprache. Er sei dankbar für dessen Arbeit und "froh, dass etliche Opfer Vertrauen in ihn gefasst und sich gemeldet haben. Und alle, die vielleicht noch zögern, bitte ich, sich bei ihm zu melden". Sein erstes Ziel sei es nun, im Rahmen des Kuratoriums "den Opfern Anerkennung und Genugtuung und so vielleicht ein wenig Heilung ihrer schweren Wunden zu verschaffen", sagte Voderholzer.

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Inwieweit das Bistum bereit ist, weitere Entschädigungszahlungen an die Opfer zu leisten, ließ der Regensburger Bischof zunächst offen. Er sagte lediglich, dass Geld "niemals eine Entschädigung" sein könne, "sondern allenfalls ein Zeichen unserer Zerknirschung und der Ehrlichkeit unserer Bemühungen".

Opfervertreter Michael Sieber, früher selbst ein Domspatz, wollte die Aussagen des Regensburger Bischofs am Montag nicht kommentieren. Man wolle die anstehenden Gespräche innerhalb des Kuratoriums nicht bereits im Voraus beeinflussen, hieß es auch von anderen Betroffenen, die sich zunächst nicht äußern wollten. Bei den Opfern, so scheint es, überwiegt immer noch das Misstrauen, ob es der Bischof tatsächlich ernst meint mit seinen Aussagen.

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"Die heute in den verschiedenen Bereichen der Domspatzen Verantwortlichen sind bestürzt über die Vorgänge in der Vergangenheit und tun alles, um den Schülern die bestmögliche Ausbildung zukommen zu lassen", so Voderholzer und ermutigte alle Eltern dazu, ihre Kinder auch künftig in die Grundschule oder auf das Gymnasium des Domspatzen-Chors zu schicken.

"Die Domspatzen stehen heute für eine Pädagogik der Freiheit, der Persönlichkeitsbildung und der fördernden Ermutigung." Aus diesem Grund dürfe "die gegenwärtige und künftige Generation nicht unter dem leiden, "was den früheren angetan worden ist".