Hitler-Buch "Mein Kampf" im Unterricht "Selbst Erwachsene fallen auf Nazi-Hetze herein"

Sollen Bayerns Schüler Hitlers "Mein Kampf" lesen? Die CSU hält das neuerdings für sinnvoll, Pädagogen hingegen lehnen den Plan ab. Klaus Wenzel, Chef des Lehrerverbands, befürchtet gar, dass die NPD davon profitieren könnte.

Interview: Melanie Staudinger

Bayerns Schüler sollen von 2015 an Teile von Adolf Hitlers Propagandaschrift "Mein Kampf" im Unterricht lesen. Das zumindest planen Kultusminister Ludwig Spaenle und Finanzminister Markus Söder (beide CSU). Die Lehrer protestieren gegen diesen Vorschlag. Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV), warnt sogar, dass der Plan die NPD stärken könnte.

Süddeutsche.de: Hitlers Mein Kampf an bayerischen Schulen - ist das eine gute Idee?

Klaus Wenzel: Nein, es gibt viel bessere Ideen, die wir zunächst einmal überlegen sollten. Mein Kampf hat an Schulen nichts zu suchen.

Süddeutsche.de: Welche Ideen?

Wenzel: Zum Beispiel, Schüler Biographien von verfolgten und ermordeten jüdischen Lehrerinnen und Lehrern recherchieren zu lassen und ihnen näher zu bringen, wie diese Menschen vor der Nazi-Zeit gelebt haben und was ihnen das Hitler-Regime angetan hat. Das halte ich für wesentlich sinnvoller, als eine Hetzschrift an den Schulen zu verteilen. Denn letztlich ist Mein Kampf doch nichts anderes.

Süddeutsche.de: Hat Sie der Vorstoß von Finanzminister Markus Söder und Kultusminister Ludwig Spaenle überrascht? Bisher hat der Freistaat ja penibel darauf geachtet, dass das Buch in Deutschland verboten bleibt.

Wenzel: Ja, absolut. Ich bin auch noch auf der Suche nach Motiven, warum sie das getan haben. Wir sollten gemeinsame Wege finden, wie wir Schülern die NS-Zeit vermitteln können. Mit Mein Kampf aber funktioniert das sicher nicht.

Süddeutsche.de: Kann das Lesen der Hetzschrift gefährlich werden, zum Beispiel für Jugendliche, die ohnehin schon mit der rechten Szene sympathisieren?

Wenzel: Ja, die Gefahr sehe ich durchaus. Ich war selbst 34 Jahre lang Lehrer und habe Siebt- bis Neuntklässler unterrichtet, eine ziemlich problematische Altersklasse. Ich habe es viel zu oft erlebt, dass junge Männer fasziniert waren vom Nationalsozialismus, nachdem er in der Schule durchgenommen wurde. Ich bitte die Staatsregierung, sich das noch mal gut zu überlegen.

Süddeutsche.de: Warum lassen sich Jungen mehr beeinflussen?

Wenzel: Das hat viele Gründe. Mädchen finden offensichtlich andere Möglichkeiten, ihre Persönlichkeit darzustellen. Bei Jungen hängt das oft mit den Vorbildern zusammen. Der Mann wird in der Werbung noch immer nur als der Starke, der Unverletzliche, derjenige, der die Welt retten will, dargestellt. Bei Jungen wird so die Abenteuerlust geweckt. Sie haben heute aber kaum noch die Möglichkeit, ihre überschüssigen Kräfte loszuwerden. Die Kinder von heute sind vor allem Sitzkinder, die Computer spielen. Wenn wir jetzt auch noch in der Schule Mein Kampf lesen, legitimiert das auch bis zu einem bestimmten Grad die Aktivitäten der NPD.

Süddeutsche.de: Sollten Jugendliche im Alter von 14 oder 15 Jahren überhaupt solche Texte lesen?

Wenzel: Nein, ich sehe den Sinn dahinter nicht. Jeder weiß, dass es Mein Kampf gab, doch viele Jugendliche interessieren sich gar nicht dafür. Wir sollten dieses Interesse nicht bewusst wecken. Außerdem gibt es pädagogisch weitaus sinnvollere Texte, die wir im Unterricht ohnehin schon behandeln, einige Reden von Adolf Hitler zum Beispiel. Wir würden ja auch nicht den Völkischen Beobachter in der Schule lesen.

Süddeutsche.de: Für welche Altersstufe wäre das Buch denn geeignet?

Wenzel: Vielleicht für Erwachsene. Aber auch da sehen wir doch, dass es genügend volljährige Menschen gibt, die heute noch auf die Nazi-Propaganda hereinfallen und sich der Neonazi-Szene anschließen.

Süddeutsche.de: Gibt es überhaupt Alternativen, als die Schrift im Unterricht zu behandeln? Nach 2015 können Jugendliche das Buch ja auch im Handel kaufen?

Wenzel: Ich glaube nicht, dass Jugendliche von sich aus so daran interessiert sind. Das wäre ja so, als wenn sie Kinder vor Alkoholismus schützen wollen, indem sie ihnen im Unterricht Schnaps hinstellen und ihnen dann sagen, wie schlecht er schmeckt und dass ihnen davon übel wird. Wenn ich den Nationalsozialismus und das, was er angerichtet hat, bewerten will, muss ich jungen Menschen Angebote machen, wie sie konstruktiv mit dieser Geschichtsepoche umgehen können. Die geplante Einführung dieses Buches führt aber zu einer Zeigefingerpädagogik. Mir ist ganz wichtig, den Satz von Max Mannheimer (Holocaust-Überlebender, die Redaktion) den Schülern immer wieder zu sagen: Ihr seid nicht verantwortlich für das, was damals passiert ist, aber ihr seid dafür verantwortlich, dass es nie mehr vorkommt.

Süddeutsche.de: Wird denn in Bayerns Schulen das historische Presseprojekt Zeitungszeugen gelesen?

Wenzel: Das verwenden wir, erfreulich oft sogar. Das ist aber etwas ganz anderes. In diesem Projekt wird zwar auch mit Emotionen gearbeitet, aber immer kombiniert mit vielen Informationen. Wenn ich etwas erklären will, aufklären will, muss ich zunächst einmal mit Fakten arbeiten. Nicht mit irgendwelchen Hetztiraden, die Schüler verunsichern oder im schlimmsten Fall sogar begeistern.

Süddeutsche.de: Spielt Mein Kampf eigentlich auch heute schon eine Rolle im Unterricht?

Wenzel: Das habe ich noch nie erlebt.