Die "Sünderin" in Regensburg Der Filmkrieg

Proteste, Beschimpfungen gegen die Geistlichkeit, Stinkbomben, Verletzte: Vor 60 Jahren stand Regensburg am Rande eines Bürgerkriegs. Wegen des Kinofilms "Die Sünderin", in dem Hildegard Knef eine Prostituierte spielte.

Von Hans Kratzer

Die Demonstranten warfen Stinkbomben, skandierten Parolen, schmähten den Bischof und die Geistlichkeit. Heute vor 60 Jahren, am 21. Februar 1951, stand Regensburg am Rande eines Bürgerkriegs. Ausgelöst wurden die Tumulte von einem Kinofilm, der die Bevölkerung in Befürworter und Gegner entzweite. "Die Sünderin" lautete der Titel des Skandalstreifens, in dem die damals 25-jährige Hildegard Knef für wenige Sekunden ihre nackte Brust zeigte.

Aber nicht diese Szene löste einen Proteststurm aus, wie fälschlicherweise oft angenommen wird. Vielmehr kritisierten die Gegner des Films, dass er die Prostitution ebenso als Selbstverständlichkeit darstellt wie den Suizid und die Tötung auf Verlangen. Die Knef war in der Rolle einer Prostituierten zu sehen, die Sterbehilfe für ihren kranken Freund leistet und anschließend Selbstmord begeht.

Es war starker Tobak, der dem Kinopublikum serviert wurde. Als der Film am 18. Januar 1951 Premiere feierte, war der Skandal programmiert. Aber nirgendwo kam es zu so heftigen Reaktionen wie im Freistaat. Die Widersprüchlichkeit von Tradition und Moderne, die Bayern heute noch prägt, öffnete sechs Jahre nach Kriegsende den Weg für einen Wertewandel im deutschen Filmgeschäft.

Ähnlich sieht das die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK): "Wir waren eine verklemmte, postfaschistische Gesellschaft mit einem prüden Frauenbild und einem heldenhaft verklärten Männerbild", sagt FSK-Geschäftsführerin Christiane von Wahlers. " Dem Film ist eine klärende Debatte über die Freiheit der Kunst im Kino zu verdanken, von der wir bis heute profitieren."

Kurz vor der Veröffentlichung hatte die FSK die Freigabe verweigert, die Vorführung dann aber doch gestattet. Der katholische Film-Dienst rief sofort zum Boykott auf. Flugblätter wurden verteilt: "Die Sünderin - Ein Faustschlag ins Gesicht jeder anständigen deutschen Frau! Hurerei und Selbstmord! Sollen das die Ideale eines Volkes sein?"

In Regensburg hatten sich am Abend des 21. Februar 1951 mehrere tausend Menschen auf dem Rathausplatz versammelt. Der Historiker Christian Kuchler, der die Ereignisse in einer Dissertation aufgearbeitet hat, sagt, dass unter den Teilnehmern nur etwa 400 Menschen ein Filmverbot gefordert hätten. Die Mehrheit sei erschienen, um für die Freiheit der Kunst zu demonstrieren.

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