Bildungsprojekt Was für ein Lernziel: Einmal nach Amerika segeln

Das Leben auf dem Segler Thor Heyerdahl bringt die Schüler aus ganz Deutschland, Belgien und der Schweiz an ihre körperlichen Grenzen - nicht nur wegen des Seegangs.

(Foto: Carsten Rehder/dpa)
  • Bei dem Projekt "Klassenzimmer unter Segeln" (KUS) gehen Schüler für ein halbes Jahr auf Schifffahrt.
  • Sie reisen bis nach Amerika und müssen neben dem Schulalltag an Bord auch lernen, ihr Schiff selbst zu steuern.
  • Bewerben können sich alle Gymnasiasten der 9. Jahrgangsstufe.
Von Anne Kostrzewa

Julius Bodler hat in diesem Schuljahr schon frisches Zuckerrohr probiert, das er einem Bauern in Kuba auf Spanisch abgeschwatzt hat. Der 17-Jährige hat nachts bei tosender See Wache gehalten, damit seine Klassenkameraden ruhig schlafen konnten. Er hat mit Salzwasser geduscht, um Trinkwasser zu sparen, ist in Panama durch den Regenwald gewandert und hat für fünfzig Mann Brotteig geknetet und Kartoffeln geschält. Ein normaler Schul-Alltag? Eher nicht, aber der Schüler vom Chiemsee und seine Klassenkameraden an Bord des Traditionsseglers Thor Heyerdahl haben in den vergangenen Monaten trotzdem so etwas wie Routine gefunden in diesem außergewöhnlichen Schuljahr. "Langweilig wird es aber nie", sagt Julius Bodler im Skype-Gespräch mit der SZ. "Wir sind ja jeden Tag woanders, erleben Neues. Das ist schon etwas ganz Besonders."

Seit Oktober sind die 34 Zehntklässler aus ganz Deutschland, Belgien und der Schweiz auf dem Atlantik unterwegs. Sie werden an Bord nach dem bayerischen Lehrplan unterrichtet, kümmern sich in Schichten aber auch um die Kombüse und kleine Reparaturen, halten Wache, steuern, navigieren und putzen das Schiff. Seit 2009 bricht die Thor für das Projekt "Klassenzimmer unter Segeln" (KUS) jeden Herbst von Kiel aus auf den Spuren von Entdeckern wie Kolumbus und ihrem Namensgeber Thor Heyerdahl in die Neue Welt auf. Mit an Bord: Schüler, Lehrer, die Besatzung, der Kapitän. Auf der Route gen Westen dürfen die Schüler dann das erste Mal selbst ihr Schiff steuern. Zurück kommen sie nach sechs Monaten als erfahrene Segler und Navigatoren.

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Was nach einem Elite-Projekt für Schüler reicher Eltern klingt, hat einen Förderverein im Rücken, der Familien unterstützt, wenn sie die Reisekosten für ihre Tochter oder ihren Sohn - etwa 3000 Euro pro Monat - nicht stemmen können. "Bislang konnten wir jeden geeigneten Bewerber mitnehmen", sagt Ruth Merk, die das KUS-Projekt leitet. Bewerben können sich alle Gymnasiasten der 9. Jahrgangsstufe, um in der 10. Klasse mitzusegeln. Das Lernen an Bord hat sich bewährt - auch dank der Unterstützung der Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), die das Projekt von Beginn an wissenschaftlich begleitet und immer wieder an den Unterrichtsmethoden feilt, die die Lehrer an Bord anwenden.

Seit vier Jahren erhebt ein Team um Thomas Eberle vom FAU-Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft an Bord regelmäßig Daten. In Fragebögen und Interviews mit den Schülern wollen die Pädagogen herausfinden, bei welchen Erfahrungen und Erlebnissen die Jugendlichen während der Reise besonders nachhaltige Lernerfolge erzielen. Besonders interessant, sagt Eberle, seien "erlebnispädagogische Maßnahmen" - Erfahrungen also, die für die Schüler mehr Abenteuer als Lehrstunde sind, bei denen sie aber trotzdem einiges mitnehmen.

Wenn die Schüler zum Beispiel vom Schiff aus Delfine sichten oder Plastikmüll entdecken, nehmen sie diesen Moment zum Anlass, ihre bereits in Deutschland vorbereiteten Referate zu Meeressäugern oder Umweltverschmutzung zu halten. Das Referat über Vulkanismus hörten die Schüler, während sie auf einem Vulkan wanderten.

Politik-Unterricht auf Kuba

Und während die Gruppe in Kuba an Bauruinen vorbeilief, mit den Fremdwährungen hantierte und eine kubanische Schule besuchte, erklärte ihre Geschichtslehrerin Nele Lengfeld den Jugendlichen, was es mit Sozialismus und Kommunismus auf sich hat. "So situationsbezogen zu unterrichten, ist auf jeden Fall produktiver, als nur aus Büchern zu lehren", sagt Lengfeld beim Skype-Gespräch von Bermuda aus. "Wir waren ja mittendrin im Geschichtsgeschehen. In Deutschland hätte ich nicht gewusst, wie ich das adäquat hätte vermitteln können."

Noch so eine erlebnispädagogische Maßnahme ist der Versuch von Ruth Merk, bei jedem Landgang mit den Jugendlichen den jeweils höchsten Berg der Region zu besteigen. In Kuba unternahm die Gruppe außerdem eine längere Fahrradtour. "Für diese Ausflüge brauchen die Schüler Ausdauer", sagt Thomas Eberle von der FAU. "In der Gruppe müssen sie ihre unterschiedlichen Leistungen koordinieren, jemandem vielleicht Gepäck abnehmen, der erschöpft ist."

Dass das dabei bewiesene Durchhaltevermögen sich bezahlt macht, hat Eva Hartmann beim ersten Landgang auf Teneriffa erlebt. "Bei der Besteigung des 3700 Meter hohen Teide war ich mir anfangs nicht so sicher, ob ich das schaffe", erinnert sie sich im Skype-Gespräch. Als sie dann zum ersten Mal zu den Segeln emporklettern sollte - "aufentern" sagen sie an Bord -, habe sie anfangs dieselben Bedenken gehabt. "Aber dann habe ich mich an das Erfolgserlebnis auf dem Teide erinnert und mich einfach getraut", sagt Eva Hartmann nicht ohne Stolz. Ging es anfangs noch mit weichen Knien hinauf, sei der Mast mittlerweile sogar ihr Lieblingsplatz, wenn sie nachdenken oder mal eine Weile ihre Ruhe habe wolle. Einmal habe sie von dort oben sogar fliegende Fische gesehen - für die 16-jährige Eva Hartmann einer der schönsten Momente dieses Schuljahres.

Grenzerfahrungen sind wertvoll für die Persönlichkeitsentwicklung

"Die Schüler lernen bei solchen Erlebnissen, dass sie mehr schaffen können, als sie denken", bestätigt Thomas Eberle. "Sich mal außerhalb der eigenen Komfortzone zu bewegen, bis hin zur Grenzerfahrung, ist in der Persönlichkeitsentwicklung unglaublich wertvoll." Natürlich sei KUS ein außergewöhnliches Projekt. Erfahrungen, die Schülern den Lernstoff greifbarer machten, könnten Lehrer aber auch in Deutschland schaffen. "Exkursionen oder Besuche von Experten sind auch an den Schulen möglich, hängen aber leider vielfach vom Engagement der Lehrer, den Rahmenbedingungen und Ressourcen ab." Das Besondere am KUS-Projekt sei für ihn und sein Team die Länge des Projekts. "Sonst machen wir unsere Beobachtungen bei Schulungen, Workshops oder mal in einer Projektwoche", sagt er. "Mehrere Monate am Stück - und über die Reise hinaus - die Entwicklung der Schüler untersuchen zu können, das ist schon etwas Besonderes."

Denn auch nachdem die Thor Heyerdahl Ende April wieder im Kieler Hafen einläuft, werden die Schüler weiter Fragen für die FAU-Wissenschaftler beantworten - und so dem nächsten Jahrgang helfen, der schon in den Startlöchern steht, um mit der Thor in die Neue Welt zu segeln.

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