Beckstein 15 Jahre nach "Mehmet" "Es ging darum, ein Exempel zu statuieren"

Als bayerischer Innenminister hat Günther Beckstein den 14-jährigen Muhlis Arı in die Türkei abgeschoben und wurde dafür heftig kritisiert. Doch auch 15 Jahre später ist der bekennende Christ mit seiner Entscheidung im Reinen. Im Interview erklärt er die "Muhlis-Delle" in der Kriminalstatistik, spricht über den Doppelpass für Türken und sein Image als Hardliner.

Von Philipp Alvares de Souza Soares und Theresa Authaler

"Mechmet" - Günther Beckstein sitzt in der Gaststätte des bayerischen Landtags und bemüht sich, den Kunstnamen von Muhlis Ari so türkisch wie möglich auszusprechen. Er hatte den damals 14-Jährigen Straftäter vor 15 Jahren ohne seine Eltern in die Türkei abgeschoben.

Aber das ist lange her. Beckstein will zeigen, dass er mit der Türkei eng verbunden ist. Wüsste man es nicht besser, würde man in diesem charmanten, älteren Herrn niemals den harten Hund erkennen, der er früher war. Wenn er von seiner Zeit als bayerischer Innenminister erzählt, spricht er von sich in der dritten Person: Was "der Beckstein" damals gemacht hat, findet er heute noch immer ziemlich gut.

SZ.de: Herr Beckstein, im Jahr 2010 haben Sie den deutsch-türkischen Freundschaftspreis bekommen. Hat Sie das stolz gemacht?

Günther Beckstein: Natürlich, das war eine der wichtigsten Auszeichnungen für mich. Ich war ja immer ein Hardliner in der Ausländerpolitik. Das weiß jeder, auch jeder Türke. Der Preis macht deutlich, was ich wirklich wollte. Der Beckstein ist kein Türkenfeind, sondern ich bin sehr für Integration.

Cihan Sendan, der damals in der Jury saß. Er hat sie sehr gelobt, aber eine Sache nimmt er Ihnen noch immer übel: Die Abschiebung von Muhlis Ari, alias Mehmet.

Ja, die Maßnahme war damals in Deutschland hoch umstritten, übrigens auch in der Türkei. Viele Türken haben sich gefragt: Was passiert, wenn mein Kind mal etwas anstellt? Mein Credo war: Großzügig gegenüber denjenigen, die sich integrieren und hart zu denen, die das nicht tun.

Viele Menschen haben das Vorgehen gegen Muhlis Arı damals als Kampagne wahrgenommen. Mehmet wurde zur Projektionsfläche für die Angst vor kriminellen Einwanderern.

Mir war von Anfang an bewusst, dass die Abschiebung die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit findet. Und das war durchaus beabsichtigt. Mehmet war ja kein Einzelfall. Wir hatten damals mit jugendlichen Mehrfachtätern aus dem Integrationsmilieu ein erhebliches Problem. Deshalb ging es auch darum, ein Exempel zu statuieren.

Wie meinen Sie das?

Die Abschiebung war eine generalpräventive Maßnahme. Und die hat gewirkt, wir hatten die sogenannte Muhlis-Delle in der Kriminalstatistik. Die Zahlen weisen nach, dass danach in ganz München die Straftaten von jugendlichen Intensivtätern drastisch nach unten gegangen sind. Aber dass es dann eine derartige Kampagne geworden ist, dass zum Beispiel bei der Abschiebung eine zweite Chartermaschine mit Journalisten mitgeflogen ist, das war nicht vorherzusehen. Und auch nicht beabsichtigt.

"Herrschaftszeiten!" Becksteins iPhone piept. Eine SMS von der islamischen Gülen-Bewegung. Im CSU-Hausblatt Bayernkurier ist ein negativer Artikel über sie erschienen. Beckstein zitiert aus der SMS: "Wir fühlen uns als CSU-Mitglieder sehr verletzt. Was würden Sie uns raten?" Er schaut von seinem Handy auf. Er ist stolz, gefragt zu werden. Er, der Türkenfreund. "Die CSU hat nicht immer so viel Wert auf die Türkei gelegt wie ich", sagt Beckstein und grinst.

Sie sind evangelischer Christ, bekennen sich in der Öffentlichkeit immer wieder zu Ihrem Glauben. Hatten Sie kein Problem damit, einen 14-jährigen Jungen abzuschieben? Er war ja ganz allein in der Türkei, ohne seine Eltern und seine Brüder.

In der Kirche haben wir darüber natürlich furchtbar gestritten. Aber es kann doch auch kein Christ ernsthaft sagen: Jetzt sperren wir den 18 Monate ein, wenn wir wissen, dass er danach die nächste Serie von Straftaten begeht. Das war für jeden klar, dass der ein Berufskrimineller wird.

Aber er hätte seine Strafe ja nach Recht und Gesetz in Deutschland verbüßen können.

Das ändert ja nichts. Nur, weil jemand 18 Monate einsitzt, wird er nicht zu einem lammfrommen Menschen.

Also glauben Sie nicht daran, dass Gefängnisstrafen sinnvoll sind?

Doch, in manchen Fällen schon. Nur hätte man das bei Mehmet viel früher machen müssen. Aber das ging ja nicht, weil er so jung war. Man hätte sich mit seinen Eltern zusammensetzen und sie unterstützen müssen.