Bayerischer Wald Bermudadreieck für Luchse

Es gibt im Bayerischen Wald ganz offensichtlich Menschen, die nicht wollen, dass es sich der Luchs dort gemütlich macht.

(Foto: Holger Hollemann/dpa)
  • Im Lamer Winkel im Bayerischen Wald sind vier Luchs-Vorderbeine gefunden worden.
  • Die Kadaver wurden vor dem Haus eines Ehepaares abgelegt, das sich sehr für den Schutz der Luchse engagiert.
  • Noch ist unklar, von welchen Luchsen die Beine stammen.
Von Christian Sebald

Wer auch immer die Kadaverteile von vier Luchsen in einem Waldstück im Lamer Winkel im Bayerischen Wald deponiert hat, er hat es getan, um ein makabres Zeichen zu setzen. Ein makabres Zeichen gegen die Rückkehr der Raubtiere nach Bayern. So reden sie nicht nur an den Stammtischen in der Region rund um Lam. So sagen es auch Naturschutz-Experten wie Norbert Schäffer, der Chef des Vogelschutzbundes LBV. "Es gibt im Bayerischen Wald ganz offenkundig einen oder mehrere Straftäter, die keine Luchse in der Gegend haben wollen", sagt Schäffer. "Sie wollten jetzt einmal mehr zeigen, dass sie die Luchse beiseiteräumen, wo immer sie die Raubkatzen kriegen."

Tatsächlich ist der Fund von vier Luchs-Vorderbeinen, die den Tieren samt Schulterblättern abgetrennt worden waren, von hoher Symbolkraft. Denn der Luchs zählt ja nicht nur zu den seltensten Tierarten in Bayern und ist streng geschützt. Das Töten eines Luchses ist eine Straftat. Zudem hat der Täter die Kadaverteile nahe dem Wohnhaus von Sybille und Manfred Wölfl abgelegt. Die Wölfls, das muss man wissen, stehen wie kein zweites Ehepaar in Bayern für den Schutz der Luchse im Freistaat.

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"Provokation des Naturschutzes"

Sybille Wölfl leitet das "Luchsprojekt Bayern" und engagiert sich seit Jahren für die Rückkehr der extrem scheuen Raubkatzen in den Bayerischen Wald. Ihr Mann Manfred ist am Landesamt für Umwelt zuständig für Raubtiere in Bayern. Wann immer ein Luchs, ein Wolf oder ein Bär im Freistaat auftaucht, ist es die Aufgabe von Manfred Wölfl, dafür zu sorgen, dass alles möglichst glatt läuft in dem komplizierten Miteinander zwischen Menschen und den zugewanderten Tieren. Es war Manfred Wölfl selbst, der vor knapp zwei Wochen die vier Luchs-Vorderbeine entdeckt hat, als er eine Fotofalle für Wildtiere in einem Wald nahe seinem Wohnhaus kontrollierte. "Das ist eine Provokation des gesamten Naturschutzes in Bayern", sagt LBV-Chef Schäffer. "Derjenige, der die Kadaverteile in dem Wald abgelegt hat, hat genau das zum Ziel gehabt."

Für die Wölfls muss der Vorfall ein Schock gewesen sein. Zwar äußern sich die beiden nicht. Aber auf der Internet-Seite des "Luchsprojekts Bayern" steht eine Meldung über den Fund. Danach lagen die Kadaverteile offenkundig schon einige Tage im Wald. Sie waren schon reichlich verwest. Außerdem hatten sich Füchse über sie hergemacht und sie in einem ungefähr 100 auf 200 Meter großen Gebiet verzogen. Deshalb entdeckte Wölfl zunächst auch nur ein Vorderbein. Bei einer erneuten Suche am folgenden Tag stieß er auf die drei anderen.

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Natürlich hat Wölfl den Vorfall sofort bei der Staatsanwaltschaft Regensburg angezeigt. Aber die Ermittlungen stehen noch ganz am Anfang. Die Kadaverteile sollen demnächst an das Leibniz-Institut für Zoo-und Wildtierforschung in Berlin geschickt werden. Dort soll nicht nur herausgefunden werden, ob die Kadaverteile von zwei, drei oder vier Luchsen stammen. Sondern auch, ob womöglich der Täter Spuren auf ihnen hinterlassen hat.

Immer wieder verschwinden Luchse

Außerdem wird natürlich die Fotofalle ausgewertet. Die Naturschützer erhoffen sich davon vor allem Gewissheit, dass die beiden Luchse wohlauf sind, die in dem Waldstück nahe dem Wohnhaus der Wölfls leben. Die Raubkatzen mit dem Namen Leo und Leoni haben sich dort vor einiger Zeit niedergelassen. Bislang sind die beiden mindestens einmal im Monat in die Fotofalle getappt. Da die letzten Aufnahmen der beiden aber bereits von Mitte und Ende März stammen, befürchten etliche Naturschützer nun, es könnten Leo und Leoni sein, von denen die Vorderläufe stammen. Andere halten es für möglich, dass sie zu Luchsen gehörten, die schon vor sehr viel längerer Zeit verschwunden sind. Der oder die Täter könnten die Kadaverteile tiefgefroren und sie erst jetzt ausgelegt haben.

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Der aktuelle Fund ist nicht der erste spektakuläre Fall von Luchs-Wilderei im Bayerischen Wald. Im Frühjahr 2012 hatte ein Unbekannter die Luchsin Tessa vergiftet. Der Kadaver der Raubkatze, die im Rahmen eines Luchs-Forschungsprojekts des Nationalparks Bayerischer Wald mit einem Sender ausgestattet worden war, war nahe dem Bayerwald-Ort Rinchnach entdeckt worden. Ein Jahr später schoss ein Unbekannter ebenfalls im Bayerischen Wald eine trächtige Luchsin ab. Der Täter deponierte den Kadaver bei Bodenmais so an einem Weg, dass er von Wanderern entdeckt wurde.

Aber auch so verschwinden immer wieder Luchse im Bayerischen Wald. Und zwar so viele, dass dies mit natürlicher Mortalität oder Verkehrsunfällen nicht zu erklären ist. Das haben Marco Heurich und Jörg Müller, die sich um die Luchse im Nationalpark kümmern, aber auch Sybille Wölfl in der Vergangenheit in mehreren Studien nachgewiesen. Sybille Wölfl nannte die Region um den Arber deshalb "ein Bermudadreieck für Luchse".