Bauen und Landschaft Der Landeszerrüttungsplan macht Bayern kaputt

Zukünftig wird es einfacher, Gewerbegebiete wie dieses in Unterhaching auszuweisen.

(Foto: Claus Schunk)
  • Der bayerische Landtag hat den sogenannten Landesentwicklungsplan beschlossen.
  • Damit wird es deutlich einfacher, Areale als Gewerbegebiete auszuweisen.
  • Die Grünen werben mit einer Unterschriftenaktion für ein Volksbegehren gegen den Flächenfraß.
Essay von Gerhard Matzig

Kilometer 0. Die Reise in die Wüste ist nicht lang. Im Grunde fängt sie am Anfang jener Autobahn an, die München einmal mit Passau verbinden soll. Dass es aber womöglich eine Gnade ist, dass die A 94 noch immer unvollendet ist: Dieser Eindruck drängt sich schon am Hochhaus des Süddeutschen Verlages auf, der ein eher argloses Gewerbegebiet namens "Zamdorfer Straße" wie ein mittelalterlich besorgter Wachturm überragt.

Hier beginnt sie, die Reise in die bayerische Gewerbesteppe, wobei der Reisende durchaus auf die Idee kommen könnte, er sei nicht nur unterwegs in einer sich so breiig wie schuhschachtelhaft in die Landschaft ergießende Wüstenei, die entlang etlicher Autobahnen in Bayern die Problemzonen der postindustriellen Städte schon jetzt beherbergt, sondern auch direkt auf dem Weg in die künftige Hölle.

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Dabei schneidet das Gewerbegebiet an der Zamdorfer Straße in München im Internet gar nicht mal so schlecht ab. Gesamtnote: 3,8 Sterne. Für "Europas größten Harley-Händler", der unweit der SZ an der A 94 haust, vergibt der Google-Rezensent Michael Guhl, der zusammen mit bemerkenswerten 146 Menschen schon über dieses Gewerbegebiet abgestimmt hat, sogar fünf Sterne. Das Maximum. Fatih Barisan jedoch meint: "Ich hasse diesen Ort." Kaum versöhnlicher bemerkt Alexander Fischer: "Nicht schön. Ist eben ein Gewerbegebiet. Was soll man sagen?"

Eben. Was soll man sagen angesichts einer Bautypologie, die von Baracken-Architektur, Wellblech-Elend und Flachdach-Depression kaum zu unterscheiden ist? Was sagt man über ein Phänomen, das von vielen Menschen hingenommen wird wie der Klimawandel, das Artensterben oder Trump-Tweets. Nicht schön, ist eben ein Gewerbegebiet - aber was soll man sagen? Vielleicht erst mal dies: Das Gewerbegebiet ist die Zukunft Bayerns.

Dafür hat am Donnerstag im Landtag (SZ vom 10. November) die Söder-Partei als ihre eigene und sehr spezielle Alternative für Bayern gesorgt, indem sie mit ihrer üblichen CSU-Mehrheit nicht nur den eigenen Alpenplan aushebelt, sondern auch den Flächenfraß durch Umschreibungen im neuen Landesentwicklungsprogramm beschleunigt. Gewerbeansiedlungen werden so enorm erleichtert.

Die Wüste darf sich also nach den Wünschen eines Heimatministers, der sich der Zerstörung exakt dieser Heimat befleißigt, ausbreiten. Nun sollen Gewerbegebiete auf freien Flächen (vormals: Wiesen und Äcker) entlang der Autobahnen, Bundesstraßen und Verkehrsknotenpunkte auch dort entstehen, wo sie bislang gar nicht genehmigungsfähig waren.

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Die Kommunen haben jetzt nämlich ziemlich freie Hand, sich in der Ausweisung von immer mehr Gewerbeflächen auch abseits der Ortschaften gegenseitig im Kampf um Gewerbesteuern Konkurrenz zu machen. Und hätten sich nicht Experten der Regionalplanung sowie Naturschützer und verantwortungsbewusste Politiker gegen dieses Vorhaben gestemmt, so müsste man jetzt auch den Hinweis auf die "ziemlich" freie Hand streichen.

Im Ergebnis wird es trotz mühsam errungener Zugeständnisse dennoch zu einem so radikalen Umbau der Region kommen, dass man sich fragen muss, wie die Kulturlandschaft das überleben soll. Gott mit dir, denkt man, du Land der Bayern: Von den weiten Gauen, Fluren und "deiner Städte Bau", von denen in der Bayernhymne die Rede ist, wird nicht viel übrig bleiben, wenn jene Partei mit dir fertig ist, deren Protagonisten die Hymne in den Bierzelten immer am ergriffensten trällern.