Bairische Sprachwurzel für Rosenmüller "Und a jeder versteht'n ohne Probleme"

Er setzt auf lokale Themen statt auf Hollywood und spricht konsequent Dialekt: Der Regisseur Marcus H. Rosenmüller pflegt das Bairische - er erfindet sogar neue Wörter. Auf dem Straubinger Gäubodenfest ist ihm jetzt die Bairische Sprachwurzel verliehen worden.

Von Hans Kratzer

In einer kurzen Szene in Marcus H. Rosenmüllers Kinofilm "Räuber Kneißl" ist das Dialektwort brouheidig zu hören. Dieser seltsame Begriff taucht in keinem Wörterbuch auf, nicht einmal im alten Schmeller, in dem das Bairische so umfassend dokumentiert ist wie nirgendwo. Am Sonntag löste Filmregisseur Rosenmüller (40) dieses Rätsel auf. Er habe den Begriff selber erfunden, sagte er, weil er ihm so passend wie kein anderer erschienen sei.

"Und wenn in ferner Zukunft gar nichts mehr an mich erinnern sollte, so hoffe ich, dass wenigstens das Wort brouheidig überleben möge", merkte Rosenmüller augenzwinkernd auf dem Straubinger Gäubodenfest an, wo ihm die Bairische Sprachwurzel verliehen wurde.

Dieser vom Bund Bairische Sprache gestiftete Sprachpreis geht seit 2005 jährlich an Prominente, die es wagen, bei offiziellen Anlässen Bairisch zu reden. Zu den bisherigen Preisträgern zählen beispielsweise Hans-Jürgen Buchner (Haindling), Papst Benedikt XVI., Die Wellküren, Christian Stückl, Georg Ringsgwandl und Luise Kinseher.

Wie seine Vorgänger erfülle auch Rosenmüller die strengen Vergabekriterien perfekt, betonte Sepp Obermeier, der Erfinder des Preises. "Er erhält den Sprachpreis nicht dafür, dass in seinen Filmen Dialekt gesprochen wird, sondern weil er selber ganz selbstverständlich immer Mittelbairisch redet."

Farbe bekennen in der "Mingara Society"

Reinhard Wittmann, ehemaliger Literaturchef des Bayerischen Rundfunks, bezeichnete den Geehrten in seiner Laudatio als sprachkulturell unverzichtbaren Prominenten, da er in aller Öffentlichkeit und speziell "in der Mingara Society und in der Kulturschickeria" demonstriere, dass "Boarisch koa unverständlichs Depperldeitsch is, sondan a lebfrische, gscheide, melodiöse und aa altehrwürdige Variante von unserm gemeindeutschen Idiom. Und a jeder versteht'n ohne Probleme, ob bei den Dreharbeiten oder in Interviews, bei Preisverleihungen, bei Interviews und hoit oiwei", sagte Wittmann, der Rosenmüller als fern von jeglicher Bayerntümelei beschrieb und als Menschen, der großen Wert auf Weltoffenheit und Toleranz lege.

Der Bund Bairische Sprache sieht in der symbolträchtigen Glasskulptur einen strategischen Preis. Von den Preisträgern erhofft er sich eine Vorbildfunktion und einen Multiplikationseffekt bei der Weitergabe der Dialekte an den Nachwuchs. Die Strategie der Sprachwurzel laute, Bairisch als beste Grundlage für eine Mehrsprachigkeit an die Kinder weiterzugeben.

Wie virtuos Rosenmüller das bairische Idiom beherrscht, demonstrierte er in seiner Dankesrede, die bei aller Spontaneität zu einem interessanten Kolleg über die Trias Sprache, Kultur und Heimat geriet. Es sei schade, so etwas Identitätsstiftendes wie die eigene Sprache zu verlieren, sagte Rosenmüller. Er schilderte, wie er sich, ermuntert von seinen Lehrern an der Filmhochschule, als einer der wenigen jungen Regisseure getraut habe, auf lokale Themen zu setzen und sich nicht aufs Hollywood-Fahrwasser zu begeben.

Rosenmüller sagte, es brauche im Kulturbetrieb neue Visionen. Es gehe nicht an, sämtliche Kinos in die Gewerbegebiete auszulagern, sondern sie in den Innenstädten zu belassen, wo sich die Menschen träfen. "Das Leben muss ins Dorf zurück, und nicht in den Randbezirken verschwinden", sagte Rosenmüller. Schüler sollten wieder mit Schriftstellern wie Oskar Maria Graf und Georg Queri vertraut gemacht werden, deren Texte schon deshalb Spaß machten, weil darin das Leben tobe. Man brauche Visionen wie die Franzosen in ihrer Kulturpolitik, die auch das Eigene stärke und damit neue Ideen hervorbringe.

Eröffnet wurde das 201. Gäubodenfest am Samstag durch den scheidenden Bundestagsabgeordneten Ernst Hinsken (CSU), der in seiner Rede ebenfalls die Heimat in den Fokus rückte und die Hoffnung schürte, dass Volksfeste wie das Gäubodenfest irgendwann in die Liste des Unesco-Kulturguts aufgenommen werden könnten. Bis zum 19. August werden 1,3 Millionen Besucher in der 45 000 Einwohner zählenden Stadt erwartet. In Bayern sind nur das Oktoberfest und das Nürnberger Volksfest noch größer.

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