11. Februar 2013 16:14 Reaktionen aus dem Geburtsort des Papstes Fast wie ein Verlust in der Familie

Von Sarah Ehrmann, Anna Fischhaber, Thierry Backes und Sebastian Gierke

2005 stand Marktl am Inn plötzlich im Mittelpunkt des Weltinteresses. Ein Sohn des Ortes war gerade zum Papst gewählt worden. Jetzt tritt Benedikt XVI. zurück - und im Ort ist die Überraschung groß. Viele schwelgen in Erinnerung, doch einige Bewohner quälen jetzt durchaus irdische Sorgen.

Drei Stunden nachdem Benedikt der XVI. seinen Rücktritt ankündigt hat, bringt Susanne Barthel eine lilafarbene Orchidee in die Kirche St. Oswald. Sie ist den Tränen nahe. "Ich bin sehr traurig", sagt die Mesnerin. Ein Verlust sei das, fast wie ein Verlust in der Familie. Am 16. April 1927, am Tag seiner Geburt, ist Joseph Ratzinger in dieser Kirche im bayerischen Marktl am Inn getauft worden. Die Orchidee befestigt Barthel zwischen der Benedikt-XVI.-Steinplatte in der Kirchenwand und der Papst-Kerze. Eine solche steht hier, seit Ratzinger zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt worden ist.

Auf den Straßen seines Geburtsortes ist an diesem Faschingsmontag wenig los. Einheimische trifft man kaum. Die, die zu sehen sind, haben meist einen Fotoapparat umgehängt. Oder ein Mikrophon in der Hand. Es sind Journalisten, die wissen wollen wie es dem Ort mit der Nachricht geht, die die katholische Welt erschüttert hat. Vor der Kirche stehen drei Übertragungswagen vom Bayerischen Rundfunkt.

Im Jahr 2005 war das noch etwas anderes. Der gesamte Ort war in Aufruhr. Auf dem Marktplatz gab es kaum mehr ein Durchkommen, Übertragungswagen der internationalen TV-Stationen verstopften die Straßen des kleinen Ortes. Marktl am Inn im Landkreis Altötting, nur wenige Kilometer von dem berühmten Marienwahlfahrtsort entfernt, 2700 Einwohner, stand plötzlich im Mittelpunkt des Weltinteresses.

Ein Sohn des Ortes war gerade zum Papst gemacht worden. Nach der Wahl Ratzingers war der Rummel gewaltig. Pilger aus aller Welt reisten an, findige Geschäftsleute boten Souvenirs an. Von der Papst-Torte bis zum Papst-Bier. Das päpstliche Geburtshaus ist mittlerweile herausgeputzt worden. Es dient als geistliche Begegnungsstätte, auch ein kleines Museum ist jetzt dort zu finden. Und auch zu himmlischen Ehren kam der Ort. Ein Flugzeug der Lufthansa wurde auf den Namen der kleinen Gemeinde getauft.

"Mein Herz schlägt bayrisch"

Dass Benedikt XVI. ein Bayer ist, das kann man schon an seiner Aussprache hören. Sogar durch sein Italienisch schimmert stets das Idiom seiner Kindheit hindurch. Er hat allerdings nur zwei Jahre in Marktl gelebt. Sein Vater war Polizist, wurde deshalb häufig versetzt. Und so rühmen sich viele Orte in Bayern, die Heimat des Kirchenoberhauptes zu sein. "Mein Herz schlägt bayrisch - in meinem Amt gehöre ich der Welt", so hat der Papst das selbst ausgedrückt.

Für Pfarrer Josef Kaiser ist Ratzinger aber einer aus Marktl. Bei seinem Bayern-Besuch 2006 stattet Benedikt XVI. seiner Taufkirche, St. Oswald, einen Besuch ab. Insgesamt fünf Mal hat der Pfarrer den Papst getroffen. Der Rücktritt zum jetzigen Zeitpunkt habe ihn überrascht, sagt er. Dann überlegt er kurz: "Grundsätzlich habe ich das schon erwartet. Der Papst hat immer gesagt, wenn der gesundheitliche Zustand es nicht mehr zulässt, dann tritt er zurück. Und das macht er eben jetzt."

Zuletzt war Kaiser an Benedikts Geburtstag in Rom. Der Papst habe damals angeschlagen gewirkt, erzählt der Pfarrer. Trotzdem: "Immer, wenn man ihm gegenüber stand, dann habe man seine Bescheidenheit und seine Herzlichkeit gespürt. "Man hat sich sofort aufgehoben und aufgenommen gefühlt. Benedikt ist immer zutiefst menschlich geblieben bis heute."

Für Kaiser ist Ratzinger der erste Papst, der freiwillig zurücktritt. "Das nötigt mir den höchsten Respekt ab." (Die Hintergründe der bisherigen Papstrücktritte finden Sie hier.)

Im Rathaus von Marktl am Inn ist es am Montag schwierig, zum Bürgermeister durchzukommen. Schließlich nimmt sich Hubert Gschwendtner doch Zeit für ein Gespräch. Im Hintergrund hört sein Handy gar nicht mehr auf zu läuten. "Der Rücktritt hat mich schon überrascht", sagt auch er, äußert aber Verständnis dafür: "Wegen seines hohen Alters und der großen Belastung." Etwa zehn Mal hat er den Papst in seinem Leben getroffen - und viele schöne Erinnerungen. "Der schönste Moment war, als der Papst in Marktl zu Besuch war."

In das goldene Buch der Gemeinde habe der Papst nicht nur seine Unterschrift gesetzt, sondern auch geschrieben: Der Herr segne diesen mir so teuren Ort, erzählt der Bürgermeister. "Oder als er - kurz nachdem er Papst geworden ist im Sommer 2005 - von Köln nach Rom über Marktl zurückgeflogen ist. Wir hatten damals Funkkontakt. Der Papst ist extra ins Cockpit gegangen und wir konnten ihm alles Gute für sein neues Amt wünschen", erinnert sich Gschwendtner.

Das letzte Treffen fand im Sommer 2012 in Rom statt. "Ich hab ihm einen Bildband übereicht. Dass er gesundheitlich angeschlagen war, habe ich damals nicht gemerkt. Im Gegenteil, er war sehr interessiert am Leben in Marktl", sagt der Kommunalpolitiker. Für die Zukunft wünscht er dem Papst: "Alles, alles Gute. Und angenehme und vor allem etwas ruhigere Tage."

"Das ist unser Papst"

Ob jetzt auch für Marktl wieder ruhigere Tage anbrechen? Die Gastonomen und Hotel-Betreiber im Ort nehmen den Rücktritt jedenfalls gelassen. "Das wird sich für uns nicht weiter auswirken", sagt Max Hummel, Juniorchef im Gasthof Hummel. "Die meisten Touristen kommen mit dem Bus, besichtigen kurz das Geburtshaus und fahren dann zu Beispiel nach Altötting weiter, wo sie verpflegt werden." Außerdem vermute er, dass nach wie vor "ein paar Leute kommen werden". Andreas Hoolmans vom Ach-Café am Rathaus sagt, er könne die Auswirkungen noch nicht genau abschätzen, Sorgen mache er sich aber keine.

Der Bürgermeister auch nicht. Der freut sich über das, was der Papst dem Ort bisher gebracht hat. Einen Busparkplatz, ein Papsthaus, ein Infocenter. "Für den Tourismus war das schon gut", sagt er. 100.000 Menschen besuchen Marktl etwa im Jahr. Gschwendtner hofft, dass der Ort inzwischen so eine historische Bedeutung hat, dass die Menschen auch weiterhin kommen. "Immerhin haben wir hier das einzige Geburtsthaus eines Papstes in Deutschland."

Pfarrer Kaiser macht sich um all die irdischen Probleme im Moment keine Gedanken. Er überlegt, was jetzt aus Benedikt wird. "Ich glaube, er wird sich in ein Kloster zurückziehen, er ist ja Bischof von Rom. Und dort wissenschaftlich weiter für die Kirche tätig sein. Das ist unser Papst."