Radverkehr in Kopenhagen Die Fahrradhauptstadt versinkt im Fahrradstau

Fahrradhauptstadt, das war das Ziel von Kopenhagen. Inzwischen sind dort fast schon zu viele Fahrradfahrer unterwegs.

(Foto: imago/imagebroker)
  • 2016 wurden in Kopenhagen zum ersten Mal seit 1970 mehr Fahrräder in der Innenstadt gezählt als Autos.
  • Doch das wird in Dänemarks Hauptstadt allmählich zum Problem: Auf den Radwegen gibt es immer mehr Staus.
  • Mit intelligenten Verkehrsleit-Tafeln wollen die städtischen Verkehrsplaner gegensteuern. Doch daran entzündet sich bereits Kritik.
Von Silke Bigalke, Stockholm

Irgendwann wird selbst das Gute zu viel, so gerade in Kopenhagen geschehen: Die Stadt hat mehr Menschen dazu gebracht, mit dem Fahrrad zu fahren als mit jedem anderen Verkehrsmittel. Fahrrad-Hauptstadt, das war das erklärte Ziel. Die Stadtplaner haben Fahrrad-Schnellwege geschaffen, Fahrrad-Brücken gebaut und breite Spuren nur für Radler angelegt, die sich oft in blauer Farbe über Kreuzungen ziehen. Selbst die Mülleimer neigen sich dem Radler entgegen, damit er sie im Vorbeifahren besser trifft.

Nur, jetzt radeln dermaßen viele Menschen durch Kopenhagen, dass sie sich gegenseitig im Weg sind. Zur Hauptverkehrszeit schieben sie sich oft Reifen an Reifen durch die Innenstadt, ein zwei- bis dreispuriger Strom, wie auf der Autobahn. Wenn dabei einer zu langsam fährt und ein anderer unüberlegt ausschert, dann staut es sich. An manchen Kreuzungen stehen die Radfahrer Schlange, nur um über die Ampel zu kommen. Da dauert es mehrere Grünphasen, bis es weitergeht.

Faltrad? Klingt nach Origami

Zusammenklappbare Fahrräder können für Pendler eine gute Lösung sein. Die Räder sind ausgefeilt und stabil - doch kämpfen die Hersteller mit einem Image-Problem. Test von Thomas Hummel mehr ...

Natürlich sind Fahrrad-Staus Gift für das Kopenhagener Konzept. Denn die Menschen dort steigen laut Umfrage vor allem aus einem Grund aufs Rad: Sie kommen so schneller an. Die Stadt will nun intelligente Tafeln aufstellen, um Staus zu vermeiden. Rote und grüne Pfeile zeigen an, ob der Weg frei ist oder der Radfahrer auf die Nebenstraßen ausweichen sollte.

Die erste dieser Tafeln steht bereits an der Lieblingsstraße der Radfahrer, auf der Nørrebrogade, die für Autos teilweise ganz gesperrt ist. Dort hat die Stadt bis zu 48 800 Fahrräder am Tag gezählt und fragt sich, ob das nicht sogar Weltrekord ist. Vier weitere Tafeln sollen bald an anderen viel befahrenen Radwegen folgen. Die Stadt feiert ihre Idee als Weltneuheit.

Ein "erster sehr, sehr kleiner Schritt"

"Die Schilder sind nötig, denn wir haben Verkehrsstörungen auf den Radwegen", sagt Morten Kabell, der in der Stadt für Technik und Umwelt zuständig ist. Er hofft, dass die Kopenhagener Radfahrer dadurch neue Routen ausprobieren.

Für Erik Hjulmand jedenfalls sind die Schilder nur ein "erster sehr, sehr kleiner Schritt" zu einer echten Lösung. Er leitet die Kopenhagener Abteilung des dänischen Fahrradverbandes und sagt, die Stadt wolle mit den Schildern vor allem testen, ob die Radfahrer tatsächlich ausweichen. Für ihn ist klar: Wirklich helfen würden mehr und noch breitere Radwege.

Außerdem, sagt Hjulmand, sollte man die Ampelphasen häufiger an die Bedürfnisse der Radfahrer anpassen. Dort zum Beispiel, wo Autos abbiegen wollen und die Fahrräder deswegen länger an roten Ampeln stehen. "Wir müssen erkennen, dass die Radfahrer nun in der Mehrheit sind", sagt Hjulmand. "Wir glauben, es gibt immer noch zu viele Orte in der Stadt, wo die Autos zu viel grünes Licht haben."