Ferrari F12 Berlinetta Eine schier unglaubliche Fahrmaschine

Der schnellste Serien-Ferrari aller Zeiten wiegt so viel wie ein Kompaktwagen und wird von einem 740 PS starken V12-Motor angetrieben. Seine Fahrleistungen sind überwältigend und die Emotionen, die er vermittelt, ganz groß. Eine Ausfahrt in Italien.

Von Georg Kacher

Es gibt eine Handvoll Autos, die man im Leben gefahren haben sollte, eines davon ist der neueste Ferrari. Die F12 Berlinetta setzt die Tradition der V12-Modelle fort, die 1953 mit dem 250 ihren Anfang nahm. Es folgten Legenden wie der 330 und der 365 Daytona, weniger geglückte Luxus-Coupés wie 456 und 612, 2011 dann der wuchtige FF-Viersitzer mit Allradantrieb. Als Ersatz für den 599 haben die Italiener nun den F12 entwickelt. Er übernimmt vom Vorgänger das Front-Mittelmotor-Layout und die Transaxle-Bauweise mit dem Doppelkupplungsgetriebe an der Hinterachse. Verpackt ist die Technik in eine um 70 Kilogramm leichtere und etwas kompaktere Aluminiumhülle.

Von 0 auf 100 km/h stürmt der Ferrari F12 Berlinetta in 3,1 Sekunden, für die 200 auf dem Tacho muss man gerade einmal 8,5 Sekunden einplanen und die Höchstgeschwindigkeit ist erst jenseits von 340 km/h erreicht.

(Foto: SV2)

Der F12 kauert tief auf dem Asphalt. Entsprechend weit muss man sich herablassen, um die dünn aufgepolsterte Karbonschale zu besetzen. Die großzügige Kopf- und Beinfreiheit sollte nicht täuschen, das Cockpit ist trotz seiner Leder-und-Kohlefaser-Pracht eher auf Fahrmaschine getrimmt. Das vom Formel-1-Renner inspirierte Lenkrad mit dem integrierten LED-Drehzahlmesser sorgt dafür, dass wir selbst bei gelassener Gangart alle Finger voll zu tun haben. Eine Besonderheit der Marke ist der Manettino, der vom rechten Daumen beaufschlagte Fahrdynamik-Wählknubbel. Das Spektrum reicht von friedlich bis tosend, wobei in letzterer Position alle Fahrhilfen deaktiviert sind. Sehr hilfreich ist auch die vom linken Daumen bediente Taste für die Entkoppelung der verstellbaren Dämpfer, die unabhängig von der Manettino-Position die langhubigste Kalibrierung ansteuert. Auf buckligen Landstraßen minderer Ordnung bewahrt das die empfindliche Mechanik vor dem Schlimmsten. Beidseits des Drehzahlmessers informieren frei programmierbare Bildschirme über Navigation, Infotainment und die Befindlichkeit von Motor, Bremse und Reifen.

Der 6,3-Liter-V12 ist ein hochdrehender Sauger, dem erst bei 8700 Touren der Atem ausgeht. Mit 740 PS und 690 Newtonmetern produziert er genug Kraft und Schub, um das 1630 Kilo schwere Coupé in 3,1 Sekunden von null auf 100 km/h zu beschleunigen. Nur 5,4 Sekunden später ist die 200-km/h-Marke erreicht. Wo es die Verhältnisse zulassen, erreicht der F12 eine Höchstgeschwindigkeit von 340 km/h. Doch Tempo allein ist es nicht, was die Faszination dieses Ferrari ausmacht. Schier unglaublich ist vielmehr die Unmittelbarkeit der Bewegungsabläufe. So reagiert der Motor beispielsweise drei- bis fünfmal schneller auf Gaspedalbewegungen als ein vergleichbarer V12 und diese Spontaneität zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Fahrdynamik-Spektrum. Das Ansprechverhalten der Bremse wurde um 20 Prozent verbessert, außerdem verringert das breitere Spektrum der variablen Dämpferkennung die Seitenneigung der Karosserie und die vertikalen Aufbaubewegungen. Die vom 458 inspirierte Lenkung, die in zwei Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag zackt, spricht viel prompter an und reduziert gleichzeitig den Lenkaufwand um ein Drittel. Das verbesserte E-Differenzial, das dem kurveninneren Hinterrad mehr Schlupf zugesteht, bringt die Kraft noch rascher und nachhaltiger auf den Boden. Und das F1-Getriebe schaltet bei gezogenem Paddel selbsttätig Gang um Gang zurück, was die Bremswirkung erhöht.

Dieser Supersportler kann auch Alltag

Auf der Ferrari-Teststrecke in Fiorano nimmt ein Profi am Steuer des F12 dem legendären Enzo fast zwei Sekunden ab. Doch anders als dieser funktioniert die Berlinetta auch als braves Alltagsauto. In den Kofferraum passen bis zu 500 Liter Gepäck, Federung und Klimatisierung sind langstreckentauglich, das Siebenganggetriebe arbeitet in jedem Modus ohne Nachtreten und Verschlucken. Wer das Gaspedal streichelt, kommt möglicherweise wie vom Werk versprochen mit 15 Liter 100 Kilometer weit, was eine Einsparung um 30 Prozent gegenüber dem 599 bedeutet. Bei Autobahn-Tempo profitiert der F12 nicht nur von dem gesenkten cw-Wert (0.299), sondern auch von der verbesserten aerodynamischen Stabilität. So konnte der Abtrieb durch den planen Unterboden und die gezielte Entlüftung der hinteren Radhäuser bei 200 km/h von 70 auf 123 Kilo erhöht werden. Wenn es den Bremsen zu heiß wird, öffnen Klappen in der Frontschürze.

Nach einer Tour rund um Maranello rollt die Berlinetta schließlich mit knisterndem Auspuff, dampfenden Bremsen und klebrigen Reifen vor den Werkstoren aus. Was kann der F12, das die Konkurrenz der Sportwagen nicht kann? Superschnell reagieren, unglaublich präzise lenken, fast unnatürlich viel Grip aufbauen. In einem Satz: Dieses Auto trifft mitten ins Herz.