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Wissenschaftsbarometer 2019:Forscher sollen politischer werden

Berlin Klimaprotest Scientists for Future Mit einer Schweigedemonstration der Scientists for Future protestierten Wissen

In der Klimaforschung klappt es mit der politischen Einmischung schon ganz gut: Proteste der Scientists for Future in Berlin.

(Foto: imago images/Christian Ditsch)
  • Die deutschen Bundesbürger zeigen ein wachsendes Interesse an Wissenschaft, es ist deutlich größer als das Interesse an Politik und Kultur.
  • Auch das Vertrauen in die öffentlich geförderte Forschung ist laut einer aktuellen Umfrage des Wissenschaftsbarometers groß.
  • Die Mehrheit der Befragten findet es wichtig, dass sich Wissenschaftler in politische Debatten einmischen.

Krisen haben die Eigenschaft, dass sie umso größer werden, je länger man über sie redet. Die Vertrauenskrise in der Wissenschaft ist ein gutes Beispiel dafür. Seit Jahren heißt es, die Öffentlichkeit wende sich ab von den echten Fakten und hin zur Fake Science, weil sie an seriöser Forschung das Interesse verloren habe oder sie nicht von unseriöser unterscheiden könne. Und sicher, es gibt sie, die Skeptiker, die Impfungen ablehnen oder Zweifel am menschengemachten Klimawandel äußern - aber gibt es wirklich eine Krise?

Womöglich nicht. Das Interesse der Bürger an Wissenschaft wächst, das Vertrauen in die öffentliche Forschung ist groß - und die meiste Bedeutung wird der Klimaforschung beigemessen. Besonders erwünscht ist die Einmischung von Wissenschaftlern in die Politik. So lauten vier Ergebnisse des aktuellen Wissenschaftsbarometers 2019. Die jährliche repräsentative Umfrage lotet seit 2014 die Einstellungen der Deutschen zu ihrer Forschungslandschaft aus. Und so übel sind die Ergebnisse auf den ersten Blick tatsächlich nicht, zumindest für die Wissenschaft.

Das Vertrauen in die Wissenschaft nimmt eher zu

Laut Barometer interessiert sich die Öffentlichkeit mit fast 60 Prozent zum Beispiel mehr für wissenschaftliche Themen als für Politik und Kultur. Ein Drittel der mehr als 1000 Befragten hält sich gut oder sogar sehr gut auf dem Laufenden über Neuigkeiten aus der Forschung. Mehr als die Hälfte der Deutschen vertraut Wissenschaftlern, die an Universitäten und anderen öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen arbeiten. Vertrauen in die Politik haben zugleich nur 17 Prozent der Befragten, das ist noch weniger Zuspruch als für Medien oder Wirtschaft. Schon die Wissenschaftsbarometer der Vorjahre hatten gezeigt, dass das Vertrauen in die Wissenschaft eher zu- als abnimmt, auch das Interesse wächst tendenziell.

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Das bedeutet nun allerdings nicht, dass die Bundesbürger alle Fans von jeder Art von Wissenschaft wären. Es ist komplexer, auch als es die neuen Zahlen vermuten lassen. So hatte Wissenschaft im Dialog, der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Herausgeber des Barometers, vor drei Jahren noch differenzierter gefragt, nach Themenfeldern. Vor allem das Vertrauen in die Forschung zur Gentechnik erwies sich damals mit nur 17 Prozent als sehr gering, andere Themenfelder schnitten dagegen besser ab als bei der seit 2017 nur noch sehr allgemein gestellten Frage nach dem Vertrauen in "die Wissenschaft".

Wichtig scheint zu sein, in welchem Umfeld Forschung betrieben wird. Auch in diesem Jahr gab nur ein gutes Viertel der Befragten an, Wissenschaftlern aus Wirtschaft und Industrie zu vertrauen - obwohl es inzwischen auch an Hochschulen und öffentlichen Instituten eher wenige Wissenschaftler gibt, die völlig unabhängig von Industrie und Wirtschaft arbeiten können. Fast zwei Drittel der Teilnehmer empfinden den Einfluss der Wirtschaft auf die Forschung generell als zu groß oder sogar viel zu groß. Dieses Ergebnis des Barometers ist seit Jahren stabil.

Offenkundig ist es also weniger die Wissenschaft selbst, der hier Misstrauen entgegengebracht wird. Das Problem sind finanzielle Verknüpfungen mit profitorientierten Unternehmen. Dazu kommt, dass Wissenschaftler manchmal eine eigenwillige Definition von Vertrauen haben, wenn es um ihre Erkenntnisse geht. "Es gibt immer noch Wissenschaftler, die glauben, ihre Ergebnisse stellten ewige Wahrheiten dar und dürften von Laien und der Öffentlichkeit nicht hinterfragt werden", sagt Gert Wagner vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Der Sozialwissenschaftler sieht aber gerade in der Kritik ein wichtiges Zeichen von Interesse und auch Vertrauen, das von Forschern akzeptiert werden sollte. "Wissenschaftler müssen lernen, dass sie weder bedingungslose Unterstützung noch blindes Vertrauen erwarten können, und sie müssen sich darauf einstellen, mit Kritik - auch der unsachlichen Art - offen umzugehen." Wagner zufolge geht es darum, die Auseinandersetzung der Öffentlichkeit mit Ergebnissen der Wissenschaft auch als Zeichen für Relevanz und grundsätzlicher Anerkennung zu sehen.

Das zeigt beim genaueren Hinsehen eigentlich auch das aktuelle Wissenschaftsbarometer. Denn obwohl erst vor drei Jahren 60 Prozent der Befragten angaben, die Prognosen aus der Klimaforschung eher kritisch zu sehen, meinen heute trotzdem drei Viertel der Teilnehmer, Wissenschaftler müssten sich aktiv in die Klimapolitik der Bundesregierung einmischen, wenn diese den Kenntnisstand der Forschung nicht berücksichtigt. Nur fünf Prozent sind gegen eine solche Einmischung. Und selbst wenn dabei auf anderen Themenfeldern noch Misstrauen mitschwingt: Von einer tiefen Vertrauenskrise kann hier keine Rede sein.

Deshalb ist die eigentlich wichtige Botschaft des Barometers vielleicht: Anstatt weiterhin für Forschung oder Vertrauen zu werben und sich um das eigene Image zu sorgen, sollten Wissenschaftler sich mit ihren Erkenntnissen nach Meinung der Bürger stärker ins politische Geschehen einbringen. Das ist sicher nicht immer ein Spaß und manch Forscher mag dafür eher schlecht geeignet sein. Gelegenheiten aber gibt es genug.

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