Wissenschaft Hochschulen reagieren auf Pseudojournale

Nicht jeder Verlag, in dem sich wissenschaftlich publizieren lässt, ist seriös.

(Foto: dpa)
  • Mit unterschiedlichen Mitteln haben deutsche Hochschule auf Berichte über das verstärkte Auftreten von Studien in Pseudojournalen und Fake-Konferenzen für Wissenschaftler reagiert.
  • So werden in einigen Unis nun Seminare angeboten, die über die Gefahren solcher Angebote informieren.
  • Einige Universitäten, so in Würzburg und Bielefeld, erstellen Positivlisten, um gezielt Fake-Verlage identifizieren und ausschließen zu können.
Von Till Krause und Katrin Langhans

Juristische Prüfungen, neuer Verhaltenskodex, strenge Qualitätskriterien: Mit unterschiedlich scharfen Maßnahmen haben deutsche Hochschulen darauf reagiert, dass viele Wissenschaftler auf Fake-Konferenzen aufgetreten sind oder Arbeiten in pseudowissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht haben.

Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR hatten ergeben, dass mehr als 5000 deutsche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ihre Forschungsbeiträge in fragwürdigen Publikationen veröffentlicht haben. Die Universität Hohenheim schrieb auf Anfrage nach den Konsequenzen: "Vielen vor allem junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern war das Problem auch bis dato wohl noch gar nicht bewusst, so dass die Berichterstattung darüber sehr zu begrüßen war." Man habe die Publikationen der Universität nun stichprobenartig untersucht, mehrfach im Rektorat diskutiert und betroffene Wissenschaftler informiert.

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Die Masche der Raubverleger funktioniert so: Sie schreiben Forscher und Unternehmen auf der ganzen Welt an und empfehlen ihnen eine Publikation in einem wissenschaftlich anmutenden Journal. Dann publizieren sie - gegen Bezahlung - die Beiträge der Forscher binnen weniger Tage, oft ohne nennenswerte Prüfung der Inhalte. So erhalten auch zweifelhafte Studien ein angebliches Siegel der Wissenschaft und sind in der Welt.

Die Tendenz dieser Veröffentlichungen war in den letzten Jahren steigend. Viele Wissenschaftler hatten zudem Fake-Konferenzen besucht, um dort ihre Arbeit zu präsentieren - Veranstaltungen, die lediglich den Anschein einer Fachkonferenz erweckten. Oft waren die Wissenschaftler Opfer von Betreibern von Internetseiten und Konferenzveranstaltern mit Sitz in Indien oder der Türkei. In einigen Fällen haben Wissenschaftler dies offenbar vorsätzlich getan, um Forschung publizieren zu können, ohne sich der Kritik von Kollegen zu stellen.

Umfrage nach Konsequenzen

Eine Umfrage von NDR, WDR und SZ unter den 65 größten Universitäten Deutschlands hat nun ergeben, dass viele Hochschulen auf die Veröffentlichung reagieren. So werden zum Beispiel an der Uni Hannover derzeit Reisen zu Pseudokonferenzen juristisch geprüft. 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wurde empfohlen, in Fake-Journals veröffentlichte Artikel aus ihren Publikationslisten zu entfernen. Das Rektorat der Universität Bremen will vorschlagen, den Verhaltenskodex für Wissenschaftler zu ergänzen. Auch in Frankfurt untersuchen uniinterne Gremien Fälle im Hinblick auf wissenschaftliches Fehlverhalten: "Es ist derzeit nicht auszuschließen, dass öffentliche Gelder zweckwidrig eingesetzt wurden, um 'Fake-Publikationen' mitzufinanzieren oder Reisen zu Schein-Konferenzen zu unternehmen", sagte ein Sprecher der Frankfurter Universität.

An Hochschulen deutschlandweit finden im beginnenden Wintersemester Infoveranstaltungen und Seminare statt, in denen vor Veröffentlichung von Forschungsbeiträgen in dubiosen Zeitschriften und vor dem Besuch von Fake-Konferenzen gewarnt wird. Betroffene Autoren wurden angesprochen und aufgeklärt. Darüber hinaus werden von zahlreichen Universitäten neue dauerhafte Beratungsangebote mit Fokus auf die Fake-Verlage geschaffen oder bestehende Angebote erweitert und spezielle Internetseiten eingerichtet.

Einige Universitäten, so in Würzburg und Bielefeld, erstellen Positivlisten, um gezielt Fake-Verlage identifizieren und ausschließen zu können. An der Universität Regensburg werden die Qualitätskriterien für die Finanzierung von Uni-Publikationen überarbeitet. Die Ludwig-Maximilians-Universität München schreibt auf Anfrage, man diskutiere das Problem in verschiedenen Fachbereichen.

Uni Heidelberg sieht nach Recherchen keinen Handlungsbedarf

Die Recherche der Journalisten habe gezeigt, "wie groß das Problem für viele Hochschulen ist", sagt Boris Tolg, Professor an der Hamburger Hochschule HAW und dort Vorsitzender der Kommission zur Sicherung der guten wissenschaftlichen Praxis. Gerade jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern würde die Berichterstattung helfen, darauf nicht mehr reinzufallen. Nur einige Hochschulen, darunter die Universität Heidelberg, erklärten, sie sähen durch die Recherchen keinen Handlungsbedarf. Man habe in der Vergangenheit schon genug getan.

Für Gerd Antes von Cochrane Deutschland, der sich schon lange mit dem Phänomen der Fake-Verlage beschäftigt, zeigen die Reaktionen der Hochschulen auf die Berichterstattung "das volle Spektrum: von Naivität, vorsätzlich Wegschauen bis hin zu 'Wir haben ja Glück gehabt. Bei uns hat's ja keinen getroffen.'" Einige Universitäten würden Qualitätssicherung aber auch sehr ernst nehmen tatsächlich etwas tun. Das Problem werde dennoch zu oft kleingeredet: "Alles geht in die Richtung: großer Betrug durch kriminelle Verlage". Lediglich mehr zu informieren, reiche nicht, so Antes. Wissenschaftliches Publizieren müsse grundsätzlich auf den Prüfstand gestellt werden.

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