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Wertvolle Rohstoffe:Goldrausch auf der Müllhalde

Mülldeponien sind wertvolle Rohstofflager. Wer dort in die Tiefe bohrt, stößt auf Phosphate, Kunststoffe und viele Metalle, die für moderne Elektronik gebraucht werden. Lohnt sich ein kommerzieller Abbau? In Zukunft ja, sagen Experten.

Andrea Hoferichter

In Zukunft könnte das Buddeln im Abfall für die Recycling-Industrie interessant werden.

Zurzeit wird nur geforscht, wo jahrzehntelang Müll weggeworfen wurde. In Zukunft könnte das Buddeln im Abfall allerdings auch für die Recycling-Industrie interessant werden.

(Foto: FRG)

Der stählerne Greifer zieht einen Batzen Müll aus den Tiefen der Deponie Dyckerhoffbruch in Wiesbaden: Geröll, Kompostartiges, Plastikfetzen und ein längliches rostiges Metallstück, das einmal ein Auspuffrohr gewesen sein könnte. Solche Bestandteile von Müllbergen könnten künftig helfen, die Rohstoffhaushalte der Erde aufzustocken.

Das meint jedenfalls Stefan Gäth von der Universität Gießen, der an der 1982 stillgelegten Halde ein Forschungslager aufgeschlagen hat: "Unsere Deponien sind Minen. Jahrzehntelang haben wir dort wertvolle Rohstoffe gedankenlos entsorgt", sagt er.

Sechs seiner Mitarbeiter sind jeden Tag vor Ort und sondieren die Ausbeute aus insgesamt 20 Bohrlöchern, die bis zu 30 Meter tief sind. Die Forscher prüfen die Zusammensetzung des Abfalls und vergleichen ihn mit Archivdaten. So wollen sie den Inhalt jeder Deponie in Deutschland möglichst genau ermitteln.

Der Abbau rohstoffreicher Müllberge, das sogenannte "Landfill Mining", ist ein angesagtes Forschungsthema. Deutschlandweit bohren Wissenschaftler mittlerweile in rund 60 Müllhalden. Sie fanden Phosphate und damit wichtige Düngemittel, wiederverwertbare Kunststoffe, eine Menge organisches Material, aus dem man Treibstoffe machen kann - und nicht zuletzt: Metalle. Darunter vor allem Eisen, Kupfer und Aluminium, aber auch Seltene Erden, die aus Autokatalysatoren, Bildschirmen oder Magneten stammen und heute unter anderem für Mobiltelefone und Flachbildschirme gebraucht werden.

"Metalle spielen beim Landfill Mining eine wichtige Rolle, denn sie werden immer teurer, lassen sich gut recyceln, und sie sind in praktisch jeder Deponie enthalten", berichtet Gäth. Würde man alle deutsche Deponien abtragen und die Rohstoffe daraus bergen, könnte man damit den deutschen Bedarf schätzungsweise ein bis zwei Jahre lang decken. "Das klingt zunächst wenig", räumt der Wissenschaftler ein. Es könnte aber ein wichtiger Antrieb für künftige Recyclingpläne sein.

Auch das Bundesforschungsministerium investiert in ein neues Projekt zum Thema Landfill Mining. Beteiligt sind die Technischen Universitäten Clausthal und Braunschweig, die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, Entsorgungsunternehmen, Ökoinstitute und das Umweltministerium Nordrhein-Westfalen.

"Ein komplexeres Thema als Landfill Mining gibt es eigentlich nicht", sagt Daniel Goldmann von der TU Clausthal im Harzort Clausthal-Zellerfeld. Das beginne bei rechtlichen Fragen. Wie läuft der Genehmigungsprozess ab? Wie lassen sich möglicherweise vorhandene Schadstoffe, aus Batterien oder Altöl etwa, und Deponiegase wie das Treibhausgas Methan in den Griff bekommen? Und wie trägt man den Abfall ab, ohne einen Einsturz der Deponie zu riskieren?

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