Príncipe-Zwergohreule:Die Botschaften von Otus bikegila

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Príncipe-Zwergohreule: Otus bikegila lebt auf der afrikanischen Inselkette São Tomé und Príncipe, sie gehört zur Familie der Zwergohreulen, die in Europa ebenfalls vorkommt.

Otus bikegila lebt auf der afrikanischen Inselkette São Tomé und Príncipe, sie gehört zur Familie der Zwergohreulen, die in Europa ebenfalls vorkommt.

(Foto: Philippe Verbelen/dpa)

Auf einer kleinen Insel haben Forscher eine neue Vogelart entdeckt. Ihr Fund zeigt, dass es auch inmitten der historischen Aussterbewelle noch viele unentdeckte Naturschätze gibt.

Von Thomas Krumenacker

Es ist mehr 20 Jahre her, da brachten "Papageien-Ernter" den Vogelkundler Martim Melo auf die entscheidende Spur. Papageien-Ernter, so werden die indigenen Einwohner bezeichnet, die sich darauf spezialisiert hatten, Papageienküken aus ihren Nestern in den Baumhöhlen des Regenwaldes zu nehmen, sie von Hand aufzuziehen und dann als Haustiere zu verkaufen. Niemand kennt sich besser aus im unzugänglichen Regenwald der Inselrepublik São Tomé und Príncipe.

Einer der Vogelsammler, Ceciliano do Bom Jesus, genannt Bikegila, hatte beim Besteigen eines Papageien-Baums eine Entdeckung gemacht. Aus einem Baumloch blickten ihn statt Papageien die Augen eines ihm unbekannten Vogels an, den er als etwas unheimlich beschrieb. Auch ein weiterer Vogelsammler machte eine ähnliche Erfahrung. Das Interesse Melos, der zu Beginn der 2000er-Jahre nach Príncipe gekommen war, um die einheimische Vogelwelt für seine Doktorarbeit zu erforschen, wurde durch deren Erzählungen geweckt. Der Verdacht, dass es sich um eine bis dato unbekannte Eule handeln könnte, lag nahe. "Viele Menschen, die zum ersten Mal eine Eule aus der Nähe sehen, beschreiben die Augen als unheimlich, und wie Papageien brüten auch viele Eulen in Baumhöhlen", sagt der Forscher der Universität Porto.

Als Melo später bei einer gemeinsamen Expedition mit Bikegila auch noch einen eigentümlichen Vogelgesang in der Abenddämmerung hörte, verdichtete sich die Vermutung zur Gewissheit. "Es klang völlig anders als alle Vogelgesänge, die ich je gehört hatte, eher nach einem Insekt als nach einem Vogel", erinnert sich der Ornithologe. Die Auswertung der Tonaufnahmen am Computer belegten eine für Eulen typischen Frequenzbereich der Rufe. Damit war klar, dass im unzugänglichen Regenwald auf Príncipe - einer nur 140 Quadratkilometer großen Insel im Golf von Guinea - eine Eulenart leben musste, deren Existenz der Menschheit bislang verborgen geblieben war.

Kaum entdeckt, schon vom Aussterben bedroht

Der biologische Reichtum, aber auch die Unzugänglichkeit der Region ist unter Naturforschern legendär. "Ich war schon in sehr schwierigen Gegenden, aber dies ist die schwierigste unter den schwierigen, die schlimmste unter den schlimmen", notierte der portugiesische Sammler José Correia 1928 in sein Tagebuch, während er für das amerikanische Naturkundemuseum auf Príncipe nach Naturschätzen Ausschau hielt. Und so sollten auch für Melo, Bikegila und weitere Forscher nach dem akustischen Nachweis der unbekannten Eulenart noch fast 20 Jahre vergehen, bis sie nach aufwendigen Suchaktionen endlich als erste Menschen eine der Eulen in den Händen hielten.

Príncipe-Zwergohreule: Der portugiesische Ornithologe Martim Melo mit Vogelsammler Ceciliano do Bom Jesus und einem Exemplar der neu entdeckten Eulenart.

Der portugiesische Ornithologe Martim Melo mit Vogelsammler Ceciliano do Bom Jesus und einem Exemplar der neu entdeckten Eulenart.

(Foto: Bárbara Freitas)

Wie die Forscher kürzlich im Fachjournal Zookeys berichteten, fotografierten sie den Vogel, entnahmen Blutproben für die genetische Analyse und beschrieben kleinste Details fast jeder Feder. Eine Eule wurde als Typusexemplar getötet und präpariert - das ist Standard im Anerkennungsverfahren für neue Arten. Dann unternahmen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eine Tour durch die renommierten Naturkundemuseen in aller Welt, um die Merkmale ihrer Eule mit den dort lagernden Präparaten ähnlicher Vögel zu vergleichen. Danach stand fest: Details der äußeren Gestalt, Färbung und Muster des Gefieders, Lautäußerungen und Genetik - alle Merkmale unterschieden sich von denen bereits bekannter Vogelarten. Damit war die Existenz der neuen Art bestätigt.

Ihre Entdecker gaben ihr den englischen Namen Príncipe scops-owl (Príincipe-Zwergohreule) oder mit lateinischem Fachnamen Otus bikegila. Während Otus der Gattungsnamen für Zwergohreulen ist, ehrt der Artname bikegila den einstigen Papageien-Ernter und heutigen Naturpark-Ranger Ceciliano do Bom Jesus. "Die Entdeckung der Zwergohreule von Príncipe war nur dank des lokalen Wissens von Bikegila und seines unermüdlichen Einsatzes möglich", betont Melo. "Die Umstände der Entdeckung zeigen, dass es ohne die Kenntnisse und die Arbeit der lokalen Bevölkerungen nicht geht, wenn wir die Biodiversität erhalten und das Wissen über die biologische Vielfalt der Welt vorantreiben wollen."

Die neu entdeckte Eulen blickt in eine ungewisse Zukunft. Einerseits liegt ihr Vorkommen in einem geschützten Naturpark, und die Forscher schätzen, dass dort zwischen 1000 und 1500 der nachtaktiven Vögel leben. Andererseits ist das Vorkommen auf ein extrem kleines Gebiet von nur rund 15 Quadratkilometern beschränkt. Das macht die Art extrem anfällig. Schon einzelne große Stürme, Brände oder andere Naturkatastrophen können auf einen Schlag das Ende für die Population und damit die gesamte Art bedeuten. Eine Gefahr, die durch den Klimawandel und die mit ihm auch in Afrika einhergehenden Wetterextreme deutlich gestiegen ist. Sorge bereitet den Wissenschaftlern auch der Bau eines Wasserkraftwerks nahe dem Brutgebiet der Vögel. Wegen dieser Faktoren haben die Forscher der zuständigen Weltnaturschutzunion IUCN vorgeschlagen, die Príncipe-Zwergohreule in die höchste Gefährdungsstufe als "vom Aussterben bedroht" einzustufen.

Zwei Botschaften aus Príncipe an die Weltnaturkonferenz

Die Forscherinnen und Forscher aus Portugal und auf der kleinen Insel Príncipe sehen in ihrer Entdeckung auch eine Botschaft an die in Kürze beginnende Weltbiodiversitätskonferenz, bei der mehr als 190 Staaten in Montreal ein globales Abkommen zum Schutz der Natur beschließen wollen. "Die Entdeckung einer neuen Vogelart ist immer ein Grund zum Feiern und ein Ansporn zum Schutz der verbliebenen Naturschätze", sagt Melo. "Dass sie aber direkt mit ihrer Entdeckung schon wieder als vom Aussterben bedroht eingestuft werden muss, zeigt bedrückend gut, in welcher Lage sich die biologische Vielfalt auf unserem Planeten derzeit befindet", fügt er nachdenklich hinzu.

Die Wissenschaftler hatten sogar überlegt, ihren Fund erst mit dem Beginn der Konferenz Anfang Dezember bekannt zu geben, um ihre Botschaften zu verstärken. Die Idee haben sie verworfen - nicht aber die Hoffnung darauf, dass von der nur 140 Quadratkilometer kleinen Insel Príncipe zwei für sie wichtige Signale nach Kanada ausgehen. "Auch im Zeitalter des menschengemachten Arten-Aussterbens gibt es noch viele Geheimnisse der Natur zu entdecken - Naturschätze, die es bald nicht mehr geben könnte, wenn wir sie nicht entschieden schützen", fasst Melo eine der Botschaften zusammen. Die zweite lautet: "Ohne die Kenntnisse der lokalen indigenen Bevölkerungen geht es nicht, wenn wir die Biodiversität erhalten und das Wissen über die biologische Vielfalt der Welt vorantreiben wollen. Es wäre fantastisch, wenn diese kleine Eule in Montreal zum Symbol für beides würde."

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