Überdüngung:"Alle sind ein bisschen zuständig, aber keiner so richtig"

Lesezeit: 9 min

Überdüngung: Manfred Niekisch (links) im Gespräch mit Reporter Jan Berndorff. Niekisch ist Professor für Internationalen Naturschutz an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main

Manfred Niekisch (links) im Gespräch mit Reporter Jan Berndorff. Niekisch ist Professor für Internationalen Naturschutz an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main

(Foto: Rainer Kwiotek / natur)

Schon 2011 legten 200 Wissenschaftler im Auftrag der EU das "European Nitrogen Assessment" vor. Dieser Bericht und Ihr Stickstoffgutachten ähneln sich. Warum hat sich seither nichts getan?

Das Problem ist sehr diffus, weil der reaktive Stickstoff aus allen möglichen Quellen in die Umwelt gelangt: aus der Landwirtschaft, der Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, der Agrarspriterzeugung, dem Verkehr. Er wirkt sich über die Luft, die Böden, das Trinkwasser und das Meer aus. Darum sind allein auf nationaler Ebene verschiedenste Ministerien beteiligt: Landwirtschaft, Verkehr, Gesundheit, Wirtschaft, Umwelt. Dazu jede Menge Fachbehörden, die Wasser- und Landwirtschaftsverbände - alle sind ein bisschen zuständig, aber keiner so richtig.

Und keiner geht das Problem grundsätzlich an.

Exakt. Deswegen fordern wir jetzt eine gemeinsame nationale Stickstoffstrategie. Jeder muss endlich seinen Verantwortungsbereich erkennen und entsprechende Maßnahmen umsetzen, um übergeordneten Zielen gerecht zu werden. Und die müssen klar benannt sein: Ziele zur Reduktion von Emissionen in allen betreffenden Bereichen, zur Weiterentwicklung von Umweltzonen im Verkehr, zum effizienten Umgang mit Düngemitteln, zum Erhalt der Arten, zum Schutz der Gewässer - auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene.

Und international? Die Stickstoffbelastung ist ein weltweites Problem.

In der Tat: 150 Millionen Tonnen gelangen weltweit in die Umwelt. Wir müssten etwa auf die Hälfte runter, dann wäre die Situation tragbar. Deutschland sollte dabei eine Vorreiterrolle und Vorbildfunktion einnehmen. Wie bei der Energiewende: Es gibt zwar Länder, die am Atomzeitalter festhalten - Japan etwa, trotz der Fukushima-Katastrophe -, aber in Wirklichkeit schauen alle gespannt darauf, wie wir bei uns die Energiewende gestalten und mit dem Klimawandel umgehen. Beim Stickstoff wäre das genauso dringend geboten. Andere Nationen, in Europa und weltweit, würden sich ein Beispiel nehmen.

Nitratbelastung des Grundwassers

Nitratbelastung des Grundwassers

(Foto: SZ-Grafik)

Ein Auto fährt auf dem asphaltierten Spazierweg langsam heran und hält. Manfred Niekisch unterbricht unser Gespräch kurz, grüßt die Insassen und geht auf sie zu. Ein älteres Ehepaar, sie kurbeln die Scheibe herunter, man unterhält sich ein wenig - offenbar geht es um Salamander.

Bekannte von Ihnen?

Ja, die beiden kenne ich schon lange. Sie sind wie ich Mitglied in der Gesellschaft für Herpetologie, die sich für den Schutz von Amphibien und Reptilien einsetzt. Die beiden haben hier am Lohrberg ein kleines Gärtchen, wo sie Gemüse anbauen und eine Freianlage für Salamander betreuen. Sehr engagierte Menschen.

Was muss der Verbraucher tun, um die Stickstoffproblematik zu bewältigen?

Der Verbraucher ist natürlich ein ganz wichtiger Akteur. Er entscheidet, wie viel Fleisch er konsumiert. Die Viehhaltung trägt durch Gülle, Tierdung und Fleischreste wesentlich zum Stickstoffeintrag bei. Aber auch einige Gemüsesorten - Brokkoli zum Beispiel, der besonders stark gedüngt wird. Es ließe sich Dünger sparen, wenn der Verbraucher anderes Gemüse bevorzugen oder Brokkoli akzeptieren würde, der nicht so saftig grün ist.

Den Menschen ihr Essverhalten zu diktieren, funktioniert aber nicht. Das hat der Veggie-Day gezeigt.

Die Idee war prinzipiell gut, dass alle einen vegetarischen Tag pro Woche einlegen sollten. Die Menschen in Deutschland lassen sich aber zu Recht nicht gern ihr Essen vorschreiben. Einen Sinneswandel in diesem Bereich erreicht man nur über Aufklärung. Dabei kommt Nichtregierungsorganisationen eine wichtige Rolle zu.

Was muss sich auf politischer Seite tun? Bräuchte es eine Art Bundesstickstoffagentur?

Nein, das schlagen wir bewusst nicht vor, wohl aber die nationale Stickstoffstrategie. Wir sind der Meinung, dass es im Rahmen existierender Institutionen und Regelwerke genügend Handlungsspielräume gibt, die wir in dem Gutachten aufzeigen. Die Politiker müssen sich jetzt an die Novellierung der Düngeverordnung machen und die Wasserrahmenrichtlinie, die nationale Biodiversitätsstrategie und die europäische Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie umsetzen. Wir haben bereits geeignete Instrumente, die angepasst werden müssten.

Was könnte man an der Düngeverordnung ändern? Experten sagen, 94 Prozent der deutschen Böden bräuchten gar keinen Dünger. Das berücksichtigt die Verordnung nicht.

Richtig. Wir haben enorme Nährstoffüberschüsse. Nitrat fällt in der Landwirtschaft in großer Menge an, etwa als Gülle und Tierdung. Die Bauern wissen nicht mehr, wohin mit dem ganzen Zeug. Trotzdem kaufen sie jede Menge mineralischen Dünger, auch weil sie die Gülle oft nicht mehr ausbringen dürfen. Wegen der vielen angereicherten Schwermetalle in den Tieren, die auch in der Gülle stecken. Dabei düngen sie viel mehr als notwendig, damit sie auf jeden Fall das Maximale aus den Feldern herausholen - unabhängig davon, ob im Einzelfall auch die Hälfte gereicht hätte oder Dünger ganz verzichtbar gewesen wäre. Es müsste unbedingt eine bedarfsgerechte Dosierung vorgeschrieben werden. Und zur Kontrolle bräuchte man dringend eine Hoftorbilanz: Was geht aus einem Hof raus und was rein?

Es wird auch empfohlen, die Gülle über Schläuche auszubringen, anstatt sie zu spritzen.

Genau, denn dabei geht jede Menge Ammoniak in die Luft über - deshalb stinken frisch gedüngte Felder auch so. Außerdem sollte man zur Sicherung sensibler Gewässer Pufferzonen oder Gewässerrandstreifen ausweisen, Areale zur Schutzbepflanzung vorgeben. Es gibt viele Ideen, wie man Stickstoff effizienter nutzen und Naturschutzmaßnahmen ergreifen kann. Ziel des Gutachtens ist es durchaus, die Deutschen auch in eine technologische Vorreiterrolle zu bringen. Das könnte sich ähnlich wie bei der Energiewende sogar als wirtschaftlich vorteilhaft erweisen.

Stichwort Energiewende: Wirtschaftsminister Gabriel, der Sie als Umweltminister in den Sachverständigenrat berufen hat, meint, wir bräuchten Kohlekraftwerke einstweilen noch.

Das ist in der Tat ein Rückfall in Diskussionen, von denen wir eigentlich gehofft hatten, sie seien vorbei. Natürlich können wir nicht von heute auf morgen alle Kraftwerke abschalten. Aber man braucht klare politische Vorgaben, in welchem Zeitraum das geschehen soll und dass die größten Dreckschleudern als erste dran sind. Ohne das werden wir weder die Energiewende schaffen noch das Stickstoffproblem in den Griff bekommen. Denn Kohlekraftwerke stoßen jede Menge Stickstoffverbindungen aus.

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