Überbevölkerung "Mit der Kirche keine schlechten Erfahrungen gemacht"

Wir haben den alten Stadtwald verlassen und spazieren durch ruhige Straßen, ­gesäumt von schön ­renovierten Altbauten und bunten Fassaden. Auch eine backsteinrote Kirche liegt zwischen den Wohnhäusern und lenkt mit ihrem mächtigen Glockenturm unsere Blicke auf sich.

Wie ist denn Ihre Erfahrung gerade in stark religiös geprägten Gebieten? Für die Gottesdienstbesucher hier ist es vermutlich kein Thema, dass eine Frau verhütet. Aber in Afrika, so hört man oft, hat die Kirche mit ihren strikten Regeln noch deutlich mehr Einfluss. Ist das oft ein Problem?

Tatsächlich haben wir in unserer praktischen Arbeit in Ostafrika mit der Kirche keine schlechten Erfahrungen gemacht. Denn das, was der Vatikan sagt, ist nicht unbedingt das, was die Gläubigen vor Ort auch praktizieren. Die religiösen Führer, mit denen wir vor Ort zusammenarbeiten, sehen täglich die Folgen der fehlenden Familienplanung. Sie sind daher deutlich offener und gesprächsbereiter. Vor einigen Jahren haben wir sogar ein internationales Netzwerk von Vertretern zahlreicher Konfessionen aufgebaut, das bis heute dem Austausch und der besseren Beratung der Menschen in Sachen ­Sexualität und Familienplanung dient. Trotzdem wünsche ich mir, dass sich auch die Kirchenoberen mehr an den Bedürfnissen der Menschen orientieren und ­ihnen nicht durch ihre restriktiven Vorgaben das Leben erschweren.

Schildern Sie uns doch einmal, wie ­Ihre Arbeit vor Ort aussieht. Was sind die Haupthürden, die Sie überwinden müssen?

Zuerst einmal ist unser Ansatz, dass ungewollte Schwangerschaften vermieden werden - vor allem bei Mädchen und jungen Frauen. Deshalb bieten wir Sexualaufklärung für Jugendliche und zunehmend auch ganz junge Jugendliche an, sprich solche, die unter 15 Jahre alt sind. Denn Aufklärung ist im Schulunterricht oft nicht vorgesehen. Dabei thematisieren wir Fragen wie: "Wie werde ich eigentlich schwanger?" und "Welche Möglichkeiten habe ich, eine Schwangerschaft zu vermeiden?" Es gibt ganz viele Mythen über Schwangerschaft, Periode und Sexualität. Wir ermöglichen auch Jugendlichen den Zugang zu Verhütungsmitteln. Dazu arbeiten wir mit Gesundheitsstationen zusammen. Denn diese sind zumeist überhaupt nicht darauf eingestellt, dass eine 15-Jährige kommt und sagt, sie möchte verhüten. Wir schulen das Gesundheitspersonal, so dass sie besser auf die Bedürfnisse der Jugendlichen eingehen können.

Bei dem, was Sie jetzt beschreiben, geht es viel um Information. Aber es wird auch klar, dass viele Probleme offenbar in der Gesellschaft und der kulturellen ­Prägung liegen.

Es sind in der Tat vor allem gesellschaft­liche Normen und schädliche kulturelle Praktiken wie die Beschneidung und die Frühverheiratung von Mädchen, die junge Frauen an einer freien Entscheidung hindern. Häufig darf selbst bei verheirateten Frauen der Ehemann oder die Schwiegermutter nicht wissen, dass verhütet wird. Es gibt zwar 'unsichtbare' Verhütungsmittel wie die Dreimonatsspritze, doch die sind oft nicht verfügbar oder für die Frau nicht finanzierbar. Zum anderen thematisieren wir mit den Jugendlichen in unseren Jugendklubs das Rollenverhalten von Männern und Frauen. Dabei ­arbeiten wir mit Theater und Rollen­spielen. So regen wir Diskussionen an über gängige problematische Verhaltens­muster, wie die Frühverheiratung von Mädchen. Und wir sprechen gleichzeitig das Umfeld der Jugendlichen an, das heißt die religiösen und politischen Gemeinde­führer, die Eltern und Lehrer, und laden sie in unsere Jugendklubs ein. Wenn man das Umfeld der Jugendlichen nicht einbindet, so unsere Erfahrung, greift die Aufklärung nicht wirklich.

Nun ist Aufklärung und Bildung eine Sache, eine restriktive Ein-Kind-­Politik wie in China eine andere. Gibt es nicht Grenzen der Steuerung, praktische wie auch moralische?

Es gibt eine große Scheu, sich in ein so privates Thema wie Familienplanung einzumischen. Eine Zurückhaltung, die meiner Meinung nach auch in unserer Vergangenheit begründet liegt. Aber ich ­halte es für absolut legitim, zu versuchen, Bevölkerungsentwicklung zu steuern - ­allerdings nur unter der Voraussetzung, dass man den Menschen die Entscheidungsfreiheit lässt. Wir wollen möglichst vielen Menschen diese freie Entscheidung ermöglichen - das ist mir sehr wichtig und das ist auch das Kernan­liegen der Stiftung. Ich bin mir sehr ­sicher: Wenn ein Mädchen frei entscheiden kann, dann will es nicht mit 13 ­Jahren schwanger werden.

Sieht das die globale Gemeinschaft genauso?

Bei der Weltbevölkerungskonferenz von Kairo im Jahr 1994 kamen 179 Länder überein, dass die Stärkung von Frauen und ihrer Rechte sowie der Zugang zu Bildung und Gesundheit einschließlich Familienplanung sowohl für die Verbesserung des individuellen Fortschritts als auch für die Entwicklung eines Landes entscheidend sind. Daraus ist das Ziel entstanden, dass bis 2015 jede Frau, die verhüten möchte, auch verhüten kann. Ein Ansatz also, der keinen reglementiert, sondern Freiheiten ermöglicht. Das halte ich vom Gesichtspunkt der Menschenrechte, aber auch bezüglich der Wirksamkeit für einen guten Schritt.

Dieses Ziel von Kairo haben wir aber verfehlt, oder?

In der Tat. Denn wir haben fast das Jahr 2018, und es gibt immer noch mehr als 200 Millionen Frauen in Entwicklungsländern, die nicht verhüten können. Aber wenn man dieses Ziel und dieses Recht auf freie Entscheidung von Paaren, aber gerade Frauen, wirklich realisieren könnte, und es somit keine ungewollten Geburten mehr gäbe, dann würde das Bevölkerungswachstum um ein Viertel zurückgehen. Und ich glaube, mehr kann man gar nicht ­erreichen.