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Überbevölkerung:Wie viel Bevölkerungswachstum verkraftet die Erde?

Megacity Tokio

Jedes Jahr wächst die Weltbevölkerung um 80 Millionen Menschen

(Foto: dpa)

Mehr als 7,5 Milliarden Menschen leben auf der Erde, jährlich werden es 80 Millionen mehr. Für die Leiterin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung ein Grund zum Handeln, aber nicht zum Verzweifeln.

Ein kalter Wind pfeift um die Villa, in der die deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) sitzt und an der wir heute Renate Bähr, die Geschäftsführerin, auf einen Spaziergang durch Hannover abholen. Ihren Hauptsitz direkt an der Eilenriede, dem Stadtwald, hat die Stiftung dem guten Willen eines ihrer zwei Gründer - Dirk Roßmann - zu verdanken. Sie selbst ist als Entwicklungsorganisation spendenfinanziert und kämpft häufig gegen das Unbehagen, das ihre Themen - die Verlangsamung des Bevölkerungswachstums und das Recht auf freiwillige Familienplanung - bei vielen Menschen auszulösen scheinen.

natur: Frau Bähr, kann man denn noch leugnen, dass die rasant wachsende Weltbevölkerung ein Problem darstellt?

Renate Bähr: Nein. Das ist ein Problem, auf das man reagieren muss und zwar in vielfältiger Weise. Wir haben schließlich nur eine Erde und begrenzte Ressourcen. Es ist also eine Frage der Nachhaltigkeit, die ja letztendlich auch zur Gründung dieser Stiftung geführt hat. Wir wollen alle eine lebenswerte Welt haben, und dafür ist zwar zum einen die Zahl der Menschen entscheidend, zum anderen aber auch die Art und Weise, wie sie leben. Ich beobachte, dass das Thema Weltbevölkerungswachstum in letzter Zeit eine höhere Aufmerksamkeit erhält. Aber leider ist dieses Thema häufig mit Ängsten verbunden. Und das sollte es nicht sein.

Warum haben die Menschen Ihrer Meinung nach Angst? Weil sie das ­Gefühl haben, nichts tun zu können?

Auf der Welt leben heute etwa fünf Mal so viele Menschen wie 1900. Alleine in meiner ­Lebenszeit hat sich die Zahl der Menschen mehr als verdoppelt! Meiner Erfahrung nach sehen die Menschen im Weltbevölkerungswachstum meistens nur die Probleme und stecken dann den Kopf in den Sand. Ich denke, man sollte eher den Blick darauf lenken, was im Sinne einer zukunftsfähigen Entwicklung dringend getan werden müsste. Denn dass man etwas tun kann, beweisen wir mit unserer Arbeit.

Aus natur 02/2018

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  • natur 02/2018

    Der Text stammt aus der Februar-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation. Mehr aktuelle Themen aus dem Heft 02/2018 auf natur.de...

Aktionsbedarf sehen Sie und Ihre Stiftung ja vor allem in Afrika, ihrem ­Arbeitsschwerpunkt. Warum?

Zwar ist Afrika derzeit nicht der bevölkerungsreichste Kontinent, aber der am schnellsten wachsende. Die Bevölkerung dort wird sich in den nächsten 30 Jahren voraussichtlich verdoppeln. Und schon heute sind 41 Prozent der Menschen jünger als 15 Jahre. Diese schnell wachsende Bevölkerung in einer schon heute von ­Armut betroffenen Region macht es so schwer, diese zu verringern. Man müsste schon jetzt zwei Millionen mehr Lehrer jedes Jahr haben, um überhaupt in der Lage zu sein, den Kindern weiterhin Schulunterricht zu ermöglichen. Nur wenn in diese Generation investiert wird, besteht die Chance, dass sie ihr Potenzial nutzt und zur Entwicklung ihres Landes beiträgt.

Und diese sozioökonomische Entwicklung wirkt sich dann wiederum auf die Bevölkerungsstruktur aus?

Die wirtschaftliche Entwicklung geht in der Regel einher mit einem Rückgang der Kinderzahl, das ist nachweisbar. Aber ­damit es dazu kommt, müssen mehrere Faktoren stimmen. Wichtig sind Investitionen in die Gesundheit, Geschlechtergerechtigkeit, Bildung und Arbeitsplätze für junge Menschen, außerdem rechtzeitige Sexualaufklärung und der Zugang zu Verhütungsmöglichkeiten. Dann kann es zur sogenannten demografischen Dividende kommen. Ein etwas kompliziertes Konzept, das in etwa besagt: Wenn Frauen selbst entscheiden können, wie viele Kinder sie bekommen, haben sie meist kleinere Familien und die Geburtenrate sinkt. Eine verbesserte Gesundheitsversorgung führt zugleich zu einer steigenden Lebenserwartung, so dass mehr Menschen länger erwerbstätig sein können. Dadurch steigt der Anteil der Bevölkerung, der einer Arbeit nachgehen kann, gegenüber dem Anteil von Kindern und alten Menschen, die versorgt werden müssen. Wenn die Bevölkerung im ­erwerbsfähigen Alter menschenwürdige Arbeit findet und die Wirtschaft wächst, erzielt der Staat höhere Einnahmen. Die kann er dann so einsetzen, dass der ­Lebensstandard der gesamten Bevöl­kerung steigt.

Gibt es denn Beispiele, in denen ­diese demografische Dividende funktioniert hat?

Thailand ist ein gutes Beispiel. Dort ­wurde die Zwei-Kind-Familie öffentlich propagiert, indem zum Beispiel Plakate mit einer Kleinfamilie gezeigt wurden. Es wurde kein Zwang ausgeübt, zugleich gab es vielfältige Angebote der Familienplanung. Oder Südkorea: Die Regierung investierte massiv in die Bildung der breiten Bevölkerung und betrieb eine vernünftige Familienplanungs- und Gesundheitspolitik. In der Folge ­sanken die Geburtenraten in den 60er und 70er Jahren drastisch. Zugleich hat Südkorea seine Bevölkerung - inklusive der Frauen - früh­zeitig ausgebildet und erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert, Wirtschaftswachstum setzte ein. Das alles kann auch in Afrika gelingen. Ein erster Schritt dafür allerdings ist es, die Geburtenrate zu ­senken.

Und das erreicht man Ihrer ­Meinung nach wie?

Das hat sehr viel mit der Gleichberechtigung der Frau zu tun. Wenn Frauen nicht arbeiten können, etwa weil sie keine Ausbildung haben oder weil ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt bleibt, dann gibt es für sie keine Alternative zur Rolle der Mutter und Ehefrau. Deshalb begrüße ich es, dass bei den nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen das Thema der Gleichberechtigung der Geschlechter ein eigenes Ziel ist. Denn das hat einen großen Einfluss, auch auf die wirtschaftliche Entwicklung.

Das heißt, hauptsächlich ist die ­Politik gefragt?

Auf jeden Fall, die Politik muss mitziehen. Und zwar die vor Ort, aber auch die ­deutsche. Im letzten Jahr hat die Bundesregierung etwa 50 Millionen Euro in ­Familienplanung investiert. Das ist nicht sehr viel, wenn man bedenkt, dass sie ­insgesamt 8,5 Milliarden Euro für Entwicklungs­­zusammenarbeit ausgibt. Aktuell besonders schwierig ist, dass die USA unter ­Donald Trump die Mittel für Familien­planung massiv gekürzt haben. Deshalb ist Deutschland jetzt umso mehr ­gefordert.

Also obwohl alle vom Bevölkerungswachstum reden, hat das Thema für die deutsche Politik eher geringe ­Relevanz?

Entwicklungsminister Gerd Müller hat die Bedeutung des Themas Bevölkerungswachstum erkannt. Aber er sieht meiner Meinung nach nicht im gleichen Maße, dass es für eine nachhaltige Bevölkerungsentwicklung absolut entscheidend ist, Jugendliche zu stärken. Dazu gehören Bildung und Gesundheitsversorgung wie auch frühzeitige Aufklärung und Verhütungsmöglichkeiten. Wir wissen zum Beispiel, dass es große Auswirkungen auf das Bevölkerungswachstum hätte, wenn sich das durchschnittliche Alter eines erstgebärenden Mädchens in Afrika nur zwei ­Jahre nach hinten verschieben würde.