Tierschutz:Widerstand in der Wissenschaft

Schließlich fanden sie Tommy, der in der Stadt Glosterville in privater Haltung in einem dunklen Schuppen vor sich hin vegetierte. Kiko lebt in einem Käfig auf einem Privatgelände in Niagara Falls. Die anderen beiden, Hercules und Leo, sind Forschungsschimpansen an der Stony Brook University. In dieser Woche nun wurde die Klage an drei New Yorker Gerichten in erster Instanz eingebracht. Das Ziel: Freiheit für die Schimpansen. Bei Erfolg sollen die Tiere in ein Heim in Florida überführt werden.

Zwar müsste ein solches Urteil erst von einem höheren Landesgericht bestätigt werden, bevor es zum juristischer Präzedenzfall würde. Doch vielen Wissenschaftlern bereitet die Entwicklung bereits jetzt Unbehagen. "Schockiert und verärgert" sei sie, sagt die Anatomin Susan Larson, die an den Stony-Brook-Schimpansen über die Ursprünge des aufrechten Gangs forscht. Die Tiere lebten in einer angenehmen Umgebung. "Alles, was ich mit diesen Tieren tue, habe ich mit mir selbst gemacht", sagt sie.

Besucher im Affenhaus desTierparks Hellabrunn

Artgerechte Haltung ist eine Sache - ein Persönlichkeitsrecht eine ganz andere

(Foto: RUMPF, STEPHAN)

Frankie Trull, Präsidentin der National Association for Biomedical Research in der Hauptstadt Washington warnt, dass Schimpansen wichtige Modelle seien, sowohl in der Verhaltensforschung als auch bei der Entwicklung von Impfstoffen etwa gegen Hepatitis C. "Tieren ähnliche Rechte wie Menschen zu verleihen, wäre zerstörerisch für die Forschung", sagt sie. "Erst die Schimpansen, was kommt danach?"

Weitere Klagen für Gorillas und Elefanten

Wise hat eine Antwort : Seine Gruppe bereite bereits Klagen für andere Bundesstaaten und Tiere vor. "Gorillas, Orang-Utans, Elefanten, Wale, Delfine - für alle Tiere, die über solche kognitiven Fähigkeiten verfügen, würden wir gerne Klage einlegen. Wir werden in den nächsten zehn bis 20 Jahren so viel klagen wie nur möglich."

Das beunruhigt auch Forscher wie Heidi Harley, Psychologin am New College of Florida in Sarasota, die seit 30 Jahren in Aquarien und Freizeitparks Delfin-Kommunikation untersucht. "Ich glaube nicht, dass es irgendjemanden gibt, der mit diesen Tieren forscht und nicht regelmäßig an ihr Wohlergehen denkt", sagt sie.

Der Meeressäuger-Experte Louis Herman, der seit 34 Jahren ein Delfin-Laboratorium in Hawaii betreibt, befürchtet, dass die Tierrechtler Ressourcen von Initiativen abziehen, die Tiere in der Wildnis schützen wollen. "Es werden weiterhin Wale, Elefanten , Gorillas getötet. Hier sind große Anstrengungen nötig."

Die Schimpansen-Forschung steht vermutlich auch ohne NhRP vor dem Ende. Im vergangenen Juni kündigten die National Institutes of Health (NIH) an, dass bis auf 50 alle 360 Forschungs-Schimpansen in den Ruhestand treten sollen. Vielleicht wäre aber auch ein Kompromiss möglich, sagt Stephen Ross, Direktor des Affen-Zentrums im Lincoln Park Zoo in Chicago, Illinois. Er sorgte mit dafür, dass die Schimpansen in seinem Zoo durch eine großzügigen Bambuspflanzung streifen können, dass sie in Termitenhügeln bohren und auf Dutzende Bäume klettern können. "Ich glaube, diese Tiere sollten Rechte haben", sagt Ross. "Sie sollten das Recht haben, dass es ihnen gut geht, und dass sie in einer anregenden Umgebung leben. Doch dafür braucht man keine Persönlichkeitsrechte."

Stattdessen empfiehlt Ross, invasive Forschung sowie die private Haltung der Affen zu verbieten. Alle anderen Schimpansen, egal ob in Zoos oder Universitäten, sollten in Gruppen von mindesten sieben Tieren in großen Gehegen mit Außenflächen leben. "Ich glaube, wir teilen einen gemeinsamen Wunsch", sagt Ross. "Wir wollen die Situation für die Schimpansen verbessern. Wir sind uns nur nicht einig, wie man dahin kommt."

Dieser Text erscheint in der aktuellen Ausgabe von Science, dem internationalen Wissenschaftsmagazin, herausgegeben von der AAAS. Weitere Informationen: www.aaas.org, www.sciencemag.org. Dt. Bearbeitung: cwb

In Deutschland tritt vor allem das "Great Ape Project" für "Grundrechte für Menschenaffen" ein.

© SZ vom 06.12.2013/mcs
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB