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Tierschlachtung:Stress in der entscheidenden Phase der Schlachtung

Die Treibwege sollten hell, aber nicht grell ausgeleuchtet sein, der Boden trittsicher, Geräusche gedämpft. Eine möglichst stressfreie Atmosphäre also. "Man muss sich aber im Klaren darüber sein, dass es - auch wenn alles gut läuft, nie eine stressfreie Schlachtung geben wird", sagt Matthias Moje, Veterinärmediziner am MRI.

Trotzdem gibt es gerade in der entscheidenden Phase der Schlachtung erhebliche Probleme: Schweine etwa werden in Deutschland meist mit Kohlendioxid betäubt. Doch das Gas wirkt erst nach rund 10 bis 20 Sekunden - so lange hyperventilieren die Tiere und versuchen quiekend zu entkommen. In den Schlachtkörpern finden sich später entsprechend hohe Konzentrationen der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin.

Warum aber CO2? Klaus Troeger, ehemaliger Instituts-Leiter am MRI hat erst kürzlich in einer Studie belegt, dass Helium eine gute Alternative ist: Versuchstiere reagierten auf das Edelgas nicht ängstlich, die Adrenalin- und Noradrenalin-Werte im Blut blieben niedrig. Nach 45 Minuten hatte das Muskelfleisch zudem einen vergleichsweise hohen pH-Wert und eine niedrigere Temperatur. Helium verbessert also auch die Fleischqualität .

Pro Tier: Zwei Sekunden

Ein erheblicher Anteil des Tierleids ist eine Folge des nächsten Schritts, denn Schlachten bedeutet Töten durch Entbluten. Dafür muss - je nach Tierart an einer jeweils anderen Stelle - eine der großen Schlagadern angestochen werden. Erledigt wird das vom so genannten "Stecher". Für den Entblutestich bei Schweinen bleiben ihm pro Tier allerdings nur zwei Sekunden.

Da das Förderband schnell weiterläuft, bemerken die Arbeiter selten, wenn sie "verstochen" haben, die Tiere also noch leben oder innerlich verbluten. Auch hier würde schon eine banale Maßnahme viel bewirken: Der Deutsche Tierschutzbund fordert, dass die Bandgeschwindigkeit angepasst wird.

Das Problem könnte allerdings auch systematischer gelöst werden. Deshalb suchen Forscher nach Methoden, die sofort anzeigen, ob der Entblutestich richtig gesetzt wurde. Da in den meisten Betrieben Messer für den Stich eingesetzt werden, ist nicht erkennbar, wie viel Blut das gestochene Tier verliert.

Bessere Entblutung sorgt auch für besseres Fleisch

Die MRI-Forscher haben nun ein System entwickelt, bei dem das ausströmende Blut in einen Behälter geleitet wird. Das Gefäß ist mit Infrarotmesszellen versehen, sie erfassen die Temperatur des Blutes, aus der sich wiederum die Menge kalkulieren lässt. Wenn eine bestimmte Menge unterschritten wird, löst das Gerät ein Signal aus. Eine ausreichend starke Entblutung führt auch zu besserer Fleischqualität. Dieses und andere ähnliche Systeme werden bereits in der Praxis eingesetzt.

Anders als bei den Schweinen ist für Rinder die Betäubung mit dem Bolzenschussgerät entscheidend. Die Tiere sterben meistens sogar schon durch den Schuss - sofern der wirklich richtig gesetzt wird. Damit der Betäuber das Gerät gezielt auf der Stirnplatte positionieren kann, müssen die Tiere aber stillhalten. Dafür gibt es so genannte "Betäubungsfallen" mit Fixiervorrichtungen.

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Millionen Hühner werden in deutschen Schlachtanlagen pro Jahr getötet. Damit hat die Tierart den größten Anteil an der industriellen Tötungsmaschinerie. Angesichts solcher Massen ist es kein Wunder, dass insbesondere die Schlachtung des beliebten Hausgeflügels tierethische Fragen aufwirft: Sie beginnen bei der Elektrobetäubung, die so treffsicher ist wie eine Schrotflinte. Tierschützer arbeiten jetzt mit der Industrie zusammen, um neben der Haltung auch die Schlachtung zu verbessern. Noch besser wäre, wenn Fleisch nicht in solchen Massen verzehrt würde. Kathrin Zinkant

"Es gibt jedoch einen Streit, wie stark das Tier fixiert werden sollte", berichtet Tierarzt Moje. "Wenn der Kopf sehr eingeengt ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer Fehlbetäubung gering. Allerdings bedeutet das für das Tier kurzzeitig erheblichen Stress." Moje plädiert trotzdem eher für diese Variante, da er eine Fehlbetäubung für das schlimmere Übel hält.

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