Süddeutsche Zeitung

Tierschlachtung:Mit viel Liebe getötet

Deutsche essen gerne Fleisch. Dafür müssen Tiere sterben, aber müssen sie auch leiden? Während der Ekel vor den unwürdigen Praktiken der Schlachthöfe wächst, suchen Forscher nach Auswegen.

Von Kathrin Burger

Selbst die beste Täuschung verliert irgendwann ihre Wirkung. Zum Beispiel, wenn das Kind Fragen stellt. Wo die Hühnerbrust denn herkomme, die man eben aus der Packung gezogen hat - so unblutig, geruchsneutral, frei von Haut und Federn. "Musste das Hühnchen dafür sterben?" Und: " Wie ist es denn gestorben?".

Die Herkunft von Fleisch wird in Zeiten der Massentierhaltung gern verdrängt. Dabei ist das ungute Gefühl, das viele Menschen überkommt, wenn sie ans Töten von Tieren denken, nicht einmal neu. Viele Kulturen haben Rituale entwickelt, um die Scham zu überwinden und den Akt des Tötens zu rechtfertigen.

Aus dem westlichen Alltag sind solche Rituale der Entlastung aber fast verschwunden. Stattdessen wächst die offene Kritik, nicht nur an der Haltung von Tieren, sondern auch an der Schlachtung, in deren Verlauf es fast zwangsläufig zu extremen Tierquälereien durch methodische Fehler kommt.

Jährlich verbluten 300 000 Rinder ohne Betäubung

So wird bei fünf bis neun Prozent der Rinder in Deutschland der sogenannte Entblutestich gesetzt, obwohl die Tiere wegen eines schlampigen Bolzenschusses nicht betäubt sind. In Anbetracht von 3,3 Millionen geschlachteten Rindern verbluten pro Jahr rund 300 000 Tiere in Deutschland bei vollem Schmerzempfinden.

In der Schweinemast sind Betäubungsfehler abhängig von der Methode noch häufiger: Beim Einsatz der Elektrozange, die durch eine hohe Spannung das Schmerzempfinden im Gehirn zerstört, betreffen sie bis zu 12,5 Prozent der Tiere. Bei der häufiger eingesetzten CO2-Betäubung sind es immer noch 3,3 Prozent. Zudem werden bis zu 2,5 Prozent der Schweine nicht richtig entblutet. Sie erwachen auf dem Weg in das heiße Brühwasser der Schlachtkette und werden oft noch lebendig entborstet.

Videos solch grausamer Quälereien, die heimlich von Tierschützern in den Anlagen gedreht werden, hat mittlerweile fast jeder schon einmal auf Youtube oder im Fernsehen gesehen. Es scheint daher nur noch zwei Möglichkeiten zu geben: den völligen Verzicht aufs Fleisch - oder ein konsequentes "Augen zu!" im Angesicht einer so unwürdigen Realität.

Im Schlachthof gilt es, Panik zu verhindern

Aber geht Schlachten wirklich nur so? Oder lässt sich der Tod erträglicher für die Tiere gestalten - und damit ethisch eher vertretbar? Schon auf dem Weg vom Bauernhof zum Schlachter ließe sich einiges verbessern. So weiß die amerikanische Expertin Temple Grandin, dass allein eine ruckfreie Fahrweise beim Transport viel bewirkt. "Sie verhindert, dass Tiere Blutergüsse bekommen, verletzt oder getötet werden", sagt Grandin, die an der Colorado State University forscht.

Studien des Max-Rubner-Instituts in Karlsruhe (MRI) bestätigen zudem, dass die Wagen gut belüftet sein und die Tiere nicht zu gedrängt stehen sollten. Auch Pausen haben einen beruhigenden Einfluss. Es sind lauter Kleinigkeiten, die man für selbstverständlich halten würde - doch im Jahr 2013 lagen fast ein Viertel der Schweine- und 38 Prozent der Rindertransporte weit unter diesem Standard.

Sind die Tiere im Schlachthof angelangt, geht es zuerst darum, Panik zu verhindern. "Vor allem muss das Personal geschult sein, um die Tiere ruhig in die richtigen Bahnen zu dirigieren", erklärt Grandin, die mit einer eigenen Firma inzwischen auch die großen Schlachthöfe der Vereinigten Staaten berät. "Dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass unwillige und ängstliche Tiere getreten oder geschlagen werden."

Stress in der entscheidenden Phase der Schlachtung

Die Treibwege sollten hell, aber nicht grell ausgeleuchtet sein, der Boden trittsicher, Geräusche gedämpft. Eine möglichst stressfreie Atmosphäre also. "Man muss sich aber im Klaren darüber sein, dass es - auch wenn alles gut läuft, nie eine stressfreie Schlachtung geben wird", sagt Matthias Moje, Veterinärmediziner am MRI.

Trotzdem gibt es gerade in der entscheidenden Phase der Schlachtung erhebliche Probleme: Schweine etwa werden in Deutschland meist mit Kohlendioxid betäubt. Doch das Gas wirkt erst nach rund 10 bis 20 Sekunden - so lange hyperventilieren die Tiere und versuchen quiekend zu entkommen. In den Schlachtkörpern finden sich später entsprechend hohe Konzentrationen der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin.

Warum aber CO2? Klaus Troeger, ehemaliger Instituts-Leiter am MRI hat erst kürzlich in einer Studie belegt, dass Helium eine gute Alternative ist: Versuchstiere reagierten auf das Edelgas nicht ängstlich, die Adrenalin- und Noradrenalin-Werte im Blut blieben niedrig. Nach 45 Minuten hatte das Muskelfleisch zudem einen vergleichsweise hohen pH-Wert und eine niedrigere Temperatur. Helium verbessert also auch die Fleischqualität .

Pro Tier: Zwei Sekunden

Ein erheblicher Anteil des Tierleids ist eine Folge des nächsten Schritts, denn Schlachten bedeutet Töten durch Entbluten. Dafür muss - je nach Tierart an einer jeweils anderen Stelle - eine der großen Schlagadern angestochen werden. Erledigt wird das vom so genannten "Stecher". Für den Entblutestich bei Schweinen bleiben ihm pro Tier allerdings nur zwei Sekunden.

Da das Förderband schnell weiterläuft, bemerken die Arbeiter selten, wenn sie "verstochen" haben, die Tiere also noch leben oder innerlich verbluten. Auch hier würde schon eine banale Maßnahme viel bewirken: Der Deutsche Tierschutzbund fordert, dass die Bandgeschwindigkeit angepasst wird.

Das Problem könnte allerdings auch systematischer gelöst werden. Deshalb suchen Forscher nach Methoden, die sofort anzeigen, ob der Entblutestich richtig gesetzt wurde. Da in den meisten Betrieben Messer für den Stich eingesetzt werden, ist nicht erkennbar, wie viel Blut das gestochene Tier verliert.

Bessere Entblutung sorgt auch für besseres Fleisch

Die MRI-Forscher haben nun ein System entwickelt, bei dem das ausströmende Blut in einen Behälter geleitet wird. Das Gefäß ist mit Infrarotmesszellen versehen, sie erfassen die Temperatur des Blutes, aus der sich wiederum die Menge kalkulieren lässt. Wenn eine bestimmte Menge unterschritten wird, löst das Gerät ein Signal aus. Eine ausreichend starke Entblutung führt auch zu besserer Fleischqualität. Dieses und andere ähnliche Systeme werden bereits in der Praxis eingesetzt.

Anders als bei den Schweinen ist für Rinder die Betäubung mit dem Bolzenschussgerät entscheidend. Die Tiere sterben meistens sogar schon durch den Schuss - sofern der wirklich richtig gesetzt wird. Damit der Betäuber das Gerät gezielt auf der Stirnplatte positionieren kann, müssen die Tiere aber stillhalten. Dafür gibt es so genannte "Betäubungsfallen" mit Fixiervorrichtungen.

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Millionen Hühner werden in deutschen Schlachtanlagen pro Jahr getötet. Damit hat die Tierart den größten Anteil an der industriellen Tötungsmaschinerie. Angesichts solcher Massen ist es kein Wunder, dass insbesondere die Schlachtung des beliebten Hausgeflügels tierethische Fragen aufwirft: Sie beginnen bei der Elektrobetäubung, die so treffsicher ist wie eine Schrotflinte. Tierschützer arbeiten jetzt mit der Industrie zusammen, um neben der Haltung auch die Schlachtung zu verbessern. Noch besser wäre, wenn Fleisch nicht in solchen Massen verzehrt würde. Kathrin Zinkant

"Es gibt jedoch einen Streit, wie stark das Tier fixiert werden sollte", berichtet Tierarzt Moje. "Wenn der Kopf sehr eingeengt ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer Fehlbetäubung gering. Allerdings bedeutet das für das Tier kurzzeitig erheblichen Stress." Moje plädiert trotzdem eher für diese Variante, da er eine Fehlbetäubung für das schlimmere Übel hält.

Mehr Tierwohl bei der Schlachtung ist möglich

Katharina Dörfler, ebenfalls Wissenschaftlerin am MRI, hat gezeigt, dass es noch weitere Mängel bei den Betäubungsfallen und Bolzenschussgeräten gibt. So sind ältere Fallen zu kurz für neue, schwere Züchtungen. Zudem führt das hohe Arbeitstempo dazu, dass Fixierungsvorrichtungen und Bolzenschussgeräte nicht so sorgfältig gewartet werden, wie es notwendig wäre. Und dass der Schuss nicht immer im richtigen Winkel, also senkrecht zur Stirn, gesetzt wird. Im schlimmsten Fall kommt das Tier dann lebend an den Haken der Entblute-Strecke.

Die Wissenschaftlerin hat auch untersucht, welche Geräte für welche Tiere am besten geeignet sind. So haben einige Geräte nicht genügend Kraft, um Bullen, die mehr als 600 Kilogramm wiegen, zu narkotisieren. Dörfler meint: "Schlachtbetrieben sollten flexibler auf jedes Tier eingehen." So könnte die Fehlbetäubungsrate auf ein Prozent gesenkt werden.

Doch für das Tierwohl müssten die Schlachtbetriebe deutlich mehr Geld ausgeben. So ist Helium teurer als Kohlendioxid, neue Bolzenschussgeräte, die laufenden Schulungen der Mitarbeiter und ein Tierschutzbeauftragter, der bei jedem Tier nach der Betäubung die Reflexe testet, kosten ebenfalls. Und eine verlangsamte Schlachtung würde die Produktionszahlen mindern. Am Ende würde allein die verbesserte Schlachtung die Fleischpreise erhöhen. "Trotzdem interessieren sich immer mehr Betriebe für Tierschutz", sagt Claudia Salzborn. "Die Branche kommt zunehmend unter Druck."

Beim Kugelschuss auf der Weide werden die Tiere mit dem Jagdgewehr erlegt

Für viele Verbraucher dürften die kleinen Verbesserungen in den Schlachtungsanlagen ohnehin nicht genügen - denn wer will überhaupt solche Todesfabriken? Als Alternative werden daher immer häufiger die Tiere direkt auf der Weide erlegt, natürlich vor allem in Bio-Betrieben. Rund 10 000 Rinder sterben jährlich auf diese Weise.

Gerade für Tiere, die das ganze Jahr auf der Weide grasen, würden die engen Waggons, die Treibwege im Schlachthof sowie der Verlust der Herde besonders großen Stress bedeuten. Studien haben belegt, dass Weiderinder in den Fixierfallen regelrechtes Herzrasen bekommen. In Rindern führt die Panik nicht zuletzt zu dunklem und trockenen Fleisch.

Beim "Kugelschuss auf der Weide" wird das Tier dagegen mit einem Jagdgewehr aus zwei bis 15 Metern Entfernung erlegt und dann in einem mobilen Schlachtanhänger entblutet. Auch hier muss der Schuss allerdings sitzen, damit das Tier nicht unnötig leidet. Und auch dieses Verfahren ist teuer. "Es wird wohl ein Nischenprodukt bleiben", glaubt daher Katrin Juliane Schiffer, Agrarwissenschaftlerin an der Universität Kassel-Witzenhausen. Derzeit untersucht sie, ob die Qualität von Fleisch aus Weideschlachtungen tatsächlich besser ist.

Für Gerd Kämmer, der mit seinen 650 Galloway-Rindern an Schiffers Studie teilnimmt, ist der Weideschuss auf jeden Fall interessant. Seine Kunden wünschen sich, dass es den Tieren bis zuletzt gut geht. Und das hätte sich gezeigt: "Die Tiere haben den letzten Bissen Heu noch im Maul, wenn sie im Schlachtwagen abgelegt werden."

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Quelle:
SZ vom 11.04.2015/mahu
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