Tiere:Wenn der Hund zum Fall für einen Therapeuten wird

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Entspannt auf dem Boden liegt die Hündin "Lili" auf dem Angsthundehof im Oderbruch von Hundetrainerin Antje Krause-Neufeld. Foto: Patrick Pleul/dpa (Foto: dpa)

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Neutrebbin (dpa) - "Pünkti Anton" drückt sich tief in die äußerste Sofaecke. Der kleine weiße Hund mit den dunklen Punkten im Gesicht wirkt, als möchte er sich am liebsten unsichtbar machen. In seinen Augen spiegelt sich die blanke Angst und er beginnt zu zittern.

Antje Krause-Neufeld setzt sich neben das tierische Häufchen Elend, streicht dem gestressten Hund beruhigend über den Kopf. Dass "Pünkti" diese Berührung zulässt, sei ein großer Vertrauensbeweis, sagt die Hundepsychologin, die den verängstigten Vierbeiner im November vergangenen Jahres zu sich nahm und seitdem versucht, dem völlig verstörten Tier zu helfen.

Krause-Neufeld arbeitet auf ihrem Anwesen im Oderbruch (Märkisch-Oderland) mit sogenannten "Angsthunden", stark verhaltensgestörten oder traumatisierten Tieren. "Einige sind Unfallopfer, die meisten aber haben menschliche Gewalt erfahren müssen", erklärt die 52-Jährige. Sie hat ein Netzwerk aus Tierheimen, Tierärzten und Tierschutzvereinen, die ihr die Vierbeiner-Patienten bringen und zumindest eine Zeit lang die Behandlungskosten übernehmen.

Stabilisieren und neue Halter finden

Krause-Neufelds erklärtes Ziel ist es, die betroffenen Hunde so zu stabilisieren, dass sie an neue Halter vermittelt werden können. "Ehemalige Problemtiere fanden so in der Schweiz, in Ostfriesland oder am Bodensee ein neues Zuhause", freut sie sich. Doch geeignete neue Halter zu finden sei mühselig und klappe nicht bei jedem ihrer Schützlinge, muss die studierte Sozialpädagogin zugeben.

"Die Tiere sind ja nicht geheilt, nur stabilisiert, können bei Stress auch in alte Verhaltensmuster zurückfallen." Sie deutet auf ihr Hunde-Hof-Rudel, das von "Caspar", einem großen Wolfshund ähnlichen Tier, angeführt wird. "Diese sechs waren alles einmal Angsthunde, die ich letztlich adoptiert habe, weil sie kein anderer mehr haben wollte", berichtet die gebürtige Sachsen-Anhalterin. Jetzt helfe ihr das Rudel bei der Therapiearbeit.

Um traumatisierten Hunden die Angst zu nehmen, brauche es nicht nur viel Geduld, sondern auch Artgenossen, die dem tierischen Patienten Halt und Schutz quasi als Gruppentherapie bieten.

Sie selbst arbeite mit einer Art Desensibilisierung: "Ich nutze wohldosiert Alltagsreize, die den Tieren Angst machen, und konfrontiere sie damit", erklärt sie. Diese besondere, zeitaufwendige Zuwendung sei etwas, was in Tierheimen gar nicht zu leisten sei, sagt Kathrin Behrends, Leiterin des Tierheims Satuelle, einem Ortsteil von Haldensleben (Sachsen-Anhalt). "Krause-Neufeld ist für uns ein Glücksfall", sagt sie.

Neben "Pünkti Anton" kam ein weiterer Angst-Hund aus Satuelle zu der Tiertherapeutin ins Oderbruch. Denn neue Halter hätten die beiden verhaltensgestörten Vierbeiner im Tierheim nicht gefunden, sagt Behrends. "Die Leute interessieren sich nur für unkomplizierte Hunde, denen sie möglichst nichts mehr beibringen müssen und die keine Probleme machen", macht sie deutlich.

Anzahl schwer zu vermittelnder Tiere steigt

"Es gibt einen großen Therapie-Bedarf für verhaltensauffällige Hunde, die in den meisten Fällen erst durch menschliches Fehlverhalten so wurden", sagt Hester Pommerening vom Deutschen Tierschutzbund, die selbst ein Therapiezentrum in Schleswig-Holstein betreibt. Es sei auch Anlaufstelle und Trainingsangebot für Tierheimmitarbeiter, die sich zu auffällig gewordenen Hunden beraten lassen wollen.

"In den vergangenen 15 Jahren steigt die Anzahl solcher schwer zu vermittelnden Tiere auffällig", sagt Pommerening. Als Grund sieht sie das stark entfremdete Verhältnis von Menschen zu Natur und Tieren. "Viele schaffen sich einen Hund an, ohne sich um Sachkenntnis zu bemühen. Die Corona-Krise hat das Problem noch verschärft."

Um die langwierige Arbeit mit "Angsthunden" finanzieren zu können, arbeitet Krause-Neufeld auch als Hundetrainerin, gibt Seminare und unterhält eine Tierpension. "Ein Großteil dieser Arbeit ist die psychologische Beschäftigung mit teils überforderten Hundehaltern - also ähnliches Klientel, wie ich es früher als Sozialpädagogin in Strausberg hatte", erzählt sie schmunzelnd. Damals habe sie mit Therapiehunden in Einrichtungen für psychisch Kranke oder Demenzpatienten gearbeitet.

"Mein erster Therapiehund, ein Tibet Terrier, war so ein Angsthund", erinnert sich Krause-Neufeld, die anschließend eine Ausbildung zur zertifizierten Hunde-Verhaltenstrainerin absolvierte, Tierpsychologie und Verhaltenstherapie studierte.

Erwartungen an Tiere zu hoch

Der Mensch habe oftmals Ansprüche an das Tier, die es gar nicht erfüllen könne - beispielsweise als emotionaler Partner- oder Kinderersatz, sagt die Therapeutin. "Bei uns muss der Hund erst einmal gar nichts. Es ist schön zu beobachten, wie die mit ihren Haltern überforderten Tiere hier zur Ruhe kommen", beschreibt sie.

Seit drei Jahren lebt die Tiertrainerin mit ihrem Mann im Oderbruch und fühlt sich angekommen in der ländlichen Region. "Die Nachbarn sind sehr hilfsbereit, waren auch alle schon mal bei uns auf dem Hof. Und sie gehen plötzlich mit ihren Hofhunden Gassi, was auf dem Dorf ja nicht üblich ist", meint sie lachend.

© dpa-infocom, dpa:220704-99-900466/4

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