Archäologie-Serie Die rätselhafte Scheibe aus der Bronzezeit

Brief, Kalender oder Spielbrett? Es gibt viele Versuche, die Zeichen im Ton zu interpretieren.

(Foto: imago)

Der Diskos von Phaistos ist ein einziges Rätsel: Die in Ton gestanzten Zeichen trotzen bislang allen Übersetzungsversuchen. Die erste Folge der Archäologie-Serie "Was steht denn da?"

Von Esther Widmann

Druckerzeugnisse haben gegenüber handschriftlichen Dokumenten mehrere Vorteile. So ist die Lesbarkeit meist viel besser. Das ist auch beim ältesten mit beweglichen Lettern gedruckten Schriftstück der Welt so. Doch was nützt die Klarheit der Zeichen, wenn man ihre Bedeutung nicht kennt? Das älteste mit Lettern gedruckte Schriftstück der Welt ist nämlich nicht die Gutenberg-Bibel, sondern der Diskos von Phaistos: eine runde Scheibe aus gebranntem Ton, die auf Kreta gefunden wurde. Ihre Schöpfer bestempelten sie vor etwa 3500 Jahren auf beiden Seiten mit rätselhaften Schriftzeichen.

Berühmt ist der Diskos weniger dank dieser herstellungstechnischen Besonderheit, sonder weil er sich hartnäckig allen Entschlüsselungsversuchen widersetzt. Für kaum ein anderes Schriftstück gibt es so viele Entzifferungs- und Interpretationsversuche - auch von faszinierten Laien: Griechisch, Proto-Ionisch, Luwisch, Bilder- und Silbenschrift, Brief, astronomischer Kalender, Spielbrett - all diese Deutungen haben Möchtegern-Codeknacker in Büchern oder Briefen an berühmte Archäologen bereits abgeliefert. Heute befüllen sie mit ihren Interpretationen das Internet. Philippa Steele, die an der Universität Cambridge die Sprachen der Ägäis erforscht, nennt diese Entzifferungsversuche freundlich "überehrgeizig". Auch als Fälschung wollen einige den Diskos bereits entlarvt haben, doch auch dafür sieht Steele keine Anhaltspunkte.

Was steht denn da?

Die SZ-Serie beschäftigt sich mit Schriften, die noch niemand entziffert hat. Letzte Folge: Die Rongorongo-Schrift.

Es ist nicht ganz sicher, dass die Scheibe ursprünglich aus Kreta stammt und somit eine kretische Sprache abbildet. Sie könnte auch ein Import sein. Immerhin gab es mit "Linear A" und den ebenfalls unentzifferten kretischen Hieroglyphen bereits zwei weitere, etwa gleich alte Schriftsysteme auf der Insel.

Eine chemische Analyse des Tons könnte hier Klarheit schaffen und bei der genauen Datierung helfen. Einer solchen Untersuchung haben die griechischen Behörden aber bisher nicht zugestimmt - vermutlich weil dabei ein kleiner Teil der Scheibe zerstört würde, wie Steele annimmt. Allerdings wurden inzwischen Zeichen des Diskos auch in anderen Inschriften aus Kreta entdeckt, etwa auf einer Bronzeaxt. Auch diese Funde helfen noch nicht bei der Entzifferung, doch lassen sie zumindest einen Ursprung im bronzezeitlichen Kreta vermuten.

Jenseits aller Spekulation sind bestimmte Muster in der Zeichenanordnung erkennbar. So kommt das Zeichen, das einem Menschenkopf mit Irokesenhaarschnitt gleicht, immer nur am Anfang eines der mit senkrechten Linien markierten Abschnitte vor. Doch auch solche Erkenntnisse reichen nicht aus, um die Schrift entziffern zu können, bedauert Steele. Dafür sei der Text auch einfach zu kurz. Für sinnvolle Entzifferungsversuche ist eine größere Zahl von Zeichen und Texten nötig. Auch dass viele der Zeichen realen Objekten ähneln, hilft nicht weiter. Deshalb gibt es derzeit niemanden, der wissenschaftlich an der Entzifferung arbeitet. Solange keine weiteren Objekte auftauchen, die zweifelsfrei die gleichen Zeichen zeigen, bleibt der Diskos von Phaistos ein perfektes Spekulationsobjekt für ehrgeizige Kreta-Fans.

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