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Synthetische Biologie:Meilenstein oder doch nur Weiterentwicklung

Der Stellenwert dieser Experimente ist selbst unter Wissenschaftlern umstritten. Für einige sind sie ein Meilenstein in der Entwicklung des neuen Fachgebiets der Synthetischen Biologie und ein Beweis dafür, dass sich "Leben auf dem Reißbrett" entwerfen lässt. Andere sehen in Venters Experimenten lediglich eine Weiterentwicklung der konventionellen Gentechnik und Biotechnologie.

Fest steht, solche Experimente im Grenzbereich von organischer Chemie, Molekularbiologie, Nanobiotechnologie, Ingenieurwissenschaften und Informationstechnik lösen heftige Diskussionen in der Öffentlichkeit aus. Es ist schließlich das hochgesteckte Ziel der Synthetischen Biologie, komplexe biologische Systeme und Organismen mit neuen Eigenschaften herzustellen und zu studieren.

Die Synthetische Biologie bietet ein großes Potenzial sowohl für die Grundlagenforschung als auch für die Entwicklung neuer medizinischer und biotechnologischer Verfahren. Hier gibt es bereits praktische Erfolge. So bietet beispielsweise die chemische Synthese von Genen die Möglichkeit, mit synthetischer DNA in der somatischen Gentherapie oder in Form von DNA-Impfstoffen "mit Genen zu heilen".

Angesichts solcher Chancen rücken aber auch immer mehr die Risiken der Synthetischen Biologie sowie ihre ethischen und juristischen Implikationen in den Blick. Die Möglichkeit, neue lebende Systeme zu generieren, verlangt den Forschern ein hohes Maß an Verantwortung gegenüber der Gesellschaft ab. Das zeigte sich sehr öffentlichkeitswirksam am Anfang dieses Jahres, als weltweit darüber debattiert wurde, ob Laborversuche mit künstlich hergestellten neuartigen Grippeviren zu Bioterrorismus führen können.

Wie zu erwarten, entbrannte eine intensive Diskussion über die Frage, ob derartige Forschungsergebnisse überhaupt veröffentlicht werden müssen. Doch Ergebnisse der Grundlagenforschung können nicht durch staatlich angeordnete Publikationsverbote weltweit und über längere Zeiträume geheim gehalten werden. Das bestätigte sich auch in dem Fall der neuen Grippeviren: Im Mai und Juni veröffentlichten Nature und Science die beiden umstrittenen Fachartikel über sie.

Die Synthetische Biologie konzentriert sich bisher vor allem auf Mikroben und einzellige Organismen. Hier hat die Forschung gezeigt, dass eine gezielte Veränderung einfacher Lebensprozesse machbar ist. Dies kann jedoch nicht umstandslos auf mehrzellige Organismen übertragen werden.

Schon Voltaire wusste im 18. Jahrhundert: "Jeglicher Schuljunge kann einen Floh töten, sämtliche Mitglieder aller Akademien der Welt können jedoch keinen Floh fabrizieren." Dennoch kommt immer wieder die Frage auf, ob auch menschliches Leben gezielt genetisch verändert werden kann - womöglich sogar gemäß eigenen Wünschen zu erschaffen ist.

Die Vorstellung, dass der Mensch dereinst künstlich Menschen, sich also in einem gewissen Sinne selbst kreieren kann, beschäftigt unsere Einbildungskraft schon lange. Im Spätmittelalter entstand die Idee des "Homunculus", eines alchemistisch erzeugten Menschen. Solchen Selbsterschaffungsphantasien stehen wir Biologen sehr kritisch gegenüber. Wir wissen, dass bereits die Veränderung menschlichen Lebens differenziert betrachtet werden muss.

Ethisch geboten ist es indes, "mit Genen zu heilen", wie dies in der Gentherapie möglich ist. Hierbei werden Körperzellen mit genetischem Material behandelt, um Gene, die für Krankheitsprozesse verantwortlich sind, auszutauschen gegen intakte Kopien dieser Gene. Diese künstlich hergestellten Gene dürfen aber keinesfalls in die Keimbahn des Menschen gelangen, also an Nachkommen weitergegeben werden. Hier sind sie nicht rückholbar, und gemeinsam mit der überwiegenden Zahl der Forscher bin ich der festen Überzeugung, dass der genetischen Veränderung des Menschen an dieser Stelle eine ganz klare Grenze zu setzen ist.

Impliziert eine solche strikte Grenzziehung aber auch, dass menschliche embryonale Stammzellen überhaupt nicht für Forschungszwecke verwendet werden dürfen? Hieran entzünden sich immer wieder - durchaus notwendige - Diskussionen, in Deutschland zuletzt anlässlich der Revision des Stammzellgesetzes. Letztlich hat die Politik einen Kompromiss gefunden, der darin besteht, dass in Deutschland embryonale Stammzellen zwar verwendet werden dürfen, wenn sie im Ausland hergestellt wurden, diese aber im Inland nicht produziert werden dürfen.

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