Sprachwissenschaften:Metaphern im Wirtschaftsteil

Lesezeit: 6 min

SZ: Metaphern als Erkenntnis- und Ausdruckshilfe?

Schmid: Ja. Sie werden gerne verwendet, um Abstraktes zu konkretisieren: Zeit, Emotionen, das Leben, komplexe Institutionen werden mit Metaphern gefasst, weil sie sonst so schlecht greifbar sind.

Nehmen Sie das jüngste "Unwort des Jahres", die "notleidenden Banken": Wir konzeptualisieren Institutionen gerne als Personen, in diesem Fall als Patienten. Schlagen Sie eine Seite im Wirtschaftsteil auf - sie wimmelt nur so vor metaphorischen Ausdrücken. Dasselbe gilt für die Sprache der Religion.

SZ: Metaphern haben ja eine Geschichte, Konventionsbestände wie die Bibel liefern bis heute viel Material; zugleich sind neue Metaphern Ausdruck ihrer Zeit, etwa wenn Phänomene aus der Sphäre von Computern und Elektronik auf die analoge Sphäre übertragen werden.

Schmid: Das läuft sogar in zwei Richtungen ab: Der "Speicher" des Computers ist im Englischen einst mit einer antropomorphen Metapher benannt worden, nämlich "memory" - heute geht die Übertragung in die umgekehrte Richtung, indem wir das Gehirn mit der Metaphorik des Computers zu verstehen suchen: wenn wir also am Morgen "langsam hochfahren", wenn "der Akku leer ist" und so weiter. Vielen ist die Elektronik schon sehr ans Herz gewachsen - um es metaphorisch auszudrücken.

SZ: Ist der Kontakt zwischen Natur- und Sprachwissenschaften ohne Vorbehalte? In manchen Bereichen der Geisteswissenschaften hat man ja eher Angst vor Messbarkeit, etwa davor, dass die Hirnforscher den freien Willen abschaffen.

Schmid: Natürlich gibt es diese Vorbehalte. Die Sprachwissenschaft nimmt da eher eine Mittelstellung ein. Zwar gibt es immer noch Linguisten, die Sprache nur aus sich heraus erklären wollen, nach altem strukturalistischen Muster. Aber sie sind zunehmend in der Minderheit.

Derzeit wächst das Interesse immens, die Brücke zu den Neurowissenschaften auszubauen. Manche wollen dann gar versuchen, sprachliche Strukturen mit Erkenntnissen über das Gehirn exakt in Einklang zu bringen. Ich wäre da etwas vorsichtiger, weil ich glaube, dass noch ein kognitives System dazwischen steht, das ein eigenes Recht hat und nicht rein physiologisch erklärt werden kann. Hinzu kommen kulturelle Besonderheiten.

SZ: Aristoteles sagt, zur Bildung von Metaphern brauche man eine besondere Begabung. Metaphern sind "poetischer" als nichtmetaphorische Ausdrücke. Müssen wir befürchten, dass die modernen Gehirnmessmaschinen jetzt auch an die Köpfe unserer Dichter angelegt werden?

Schmid: Ein Dichter, der viel auf sich hält, wird das wohl nicht machen wollen - aber ich gestehe, eine solche Untersuchung wäre durchaus interessant. Für mich wäre das keine Horrorvision - für viele aber wäre es heikel, weil damit die poetische Person und ihre Kreativität im Kern berührt würden.

Aber "poetische" Metaphern werden keineswegs nur von Dichtern in ihrer stillen Kammer produziert - sondern in großem Maße auch im Journalismus, in der Werbung oder in der Subkultur.

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