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Serie: Bio bizarr (4):Die kalkulierenden Krähen

Nicht nur Händler und Makler wägen Kosten und Nutzen ihres Vorgehens gegeneinander ab. Auch Tiere tun das. Wenn sie zum Beispiel nach Nahrung suchen.

Markus C. Schulte von Drach

Als der Biologe Reto Zach von der Universität von British Columbia in Vancouver an der Pazifikküste im Nordwesten Kandas Sundkrähen (Corvus caurinus) beobachtete, machte er eine überraschende Entdeckung.

Eine Sundkrähe - die Tiere wissen genau, aus welcher Höhe sie ihre Beute fallen lassen müssen.

(Foto: Foto: Nebrot/Verwendung gemäß GNU Lizenz für freie Dokumentation)

Die Tiere suchten bei Ebbe nach Wellhornschnecken. Hatten sie eine gefunden, packten sie die Beute, flogen in die Höhe und ließen die Schnecke auf einen Felsen in der Nähe fallen. Aus dem zerbrochenen Gehäuse pickten sie anschließend das Fleisch. Dieses Verhalten wirkt auf den ersten Blick so, als wüssten die Tiere Bescheid über den Zusammenhang zwischen Schwerkraft, Höhe und den Konsequenzen eines Absturzes.

Aber nicht nur das. Zach stellte fest, dass die Krähen sich nur die größten Schnecken herauspickten und diese immer aus einer Höhe von ungefähr fünf Metern fallen ließen.

Der Biologe war fasziniert. Und er wollte herausfinden, wieso die Krähen ausgerechnet eine Höhe von fünf Metern wählten, um die großen Schnecken zu knacken. Er stellte einen Pfahl mit einer höhenverstellbaren Plattform auf, suchte sich Schnecken unterschiedlicher Größe und ließ sie aus einer Höhe von bis zu 15 Metern auf die Felsen krachen.

Dabei stellte er fest, dass für große Schnecken deutlich weniger Stürze aus fünf Metern Höhe notwendig waren als für mittelgroße oder kleine Schnecken. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die großen Gehäuse tatsächlich zerbrachen, nahm in dieser Höhe stark zu. Die Schnecken noch tiefer fallen zu lassen, erhöhte die Erfolgsrate dagegen kaum.

Außerdem überprüfte Zach, welchen Energiegehalt (Kalorien) die Schnecken boten - er berechnete also den Nutzen für die Krähen - und welche energetischen Kosten die Vögel aufbringen mussten, um mit den verschieden großen Beutetieren emporzufliegen.

Mit diesen Zahlen konnte Zach berechnen, dass die Krähen knallhart das optimale Verhältnis von Kosten und Nutzen kalkulierten. Ähnliche Berechnungen gibt es inzwischen für etliche andere Tierarten. Untersucht wurde zum Beispiel, wie Bienen mit dem geringsten Aufwand Honig sammeln, Stichlinge Wasserflöhe jagen oder Strandkrabben Muscheln knacken.

Natürlich kalkulieren diese Tiere nicht bewusst. Die Versuche, bei möglicht geringen Kosten den größtmöglichen Nutzen zu erzielen, zeigen nur, dass es im Laufe der Evolution zu einer eindrucksvollen Feinabstimmung gekommen ist. Wer aufgrund seiner genetischen Ausstattung am effektivsten mit den eigenen Ressourcen umgeht, setzt sich langfristig durch.

Wirtschaftlichkeit lohnt sich also. Und das gilt natürlich nicht nur für das Tierreich.

© sueddeutsche.de/cat
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