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Schweinegrippe:Schweineliebe und Schweineverachtung

Dieser susologische Befund wäre auch unter Gender-Gesichtspunkten nicht ohne: Nicht nur das männliche Schwein, also der Eber, steckt im Manne, sondern offenbar auch die Sau. Überhaupt schreibt das Leben Geschichten, die wir kaum glauben würden, hätte nicht Holger Matthies den Beweis per Video parat.

Etwa die Sache mit Luise, der Wildsau, die der Hannoveraner Polizeibeamte Werner Franke einst zum Erschnüffeln von Drogen und Sprengstoff abrichtete. Luise machte ihre Sache saugut, sie und Werner wurden unzertrennlich, und als der Beamte in den Ruhestand ging, nahm er Luise mit. Die letzte Video-Sequenz zeigt die beiden auf gemeinsamer Pirsch in einem niedersächsischen Wildpark.

Sinnbild der Maßlosigkeit

Die Kehrseite der Schweineliebe ist die Verachtung des Schweins. Auf George Grosz´ gesellschaftskritischen Blättern aus den 1920er Jahren haben die fetten fracktragenden Kapitalisten oft Schweinsvisagen. Heute hat das Beschimpfungs- und Beleidigungspotential des Schweins seine politische Trennschärfe verloren, es beschert uns Stasischweine ebenso wie Nazischweine.

Juden und Moslems halten das Tier für unrein, der Verzehr von Schweinefleisch ist Gläubigen untersagt. Die Juden leiten die Vorschrift aus dem dritten Buch Mose ab, wo es heißt: "Ein Schwein spaltet wohl die Klauen, aber es wiederkäuet nicht, darum soll es euch unrein sein." Vermutlich haben die schwierigen Haltungsbedingungen für Schweine und die schnelle Verderblichkeit ihres Fleischs in den Trockenzonen des heiligen Landes das Verbot mitveranlasst.

Schweine haben keine Schweißdrüsen und benötigen auf ihrer Haut Feuchtigkeit. Fehlen Tümpel und Morast, wälzen Schweine sich in ihren eigenen Exkrementen und stinken. Die jüdische Schweine-Abstinenz wurde von Nichtjuden für diffamierende Tiefschläge benutzt. Seit dem Mittelalter verunglimpften christliche Illustratoren Juden oft mit Schweineköpfen.

Trotz seiner Vieldeutigkeit hat das Schwein Platz in der christlichen Ikonographie gefunden. Hieronymus Bosch stellte um 1505 auf seinem Antoniustriptychon einen Mann mit Laute und Schweinerüssel dar. Er war einer der sieben Todsünden, der Völlerei, verdächtig.

Allesfressende Schweine erschienen fortan hierzulande als Sinnbilder der Maßlosigkeit. "Ihre Gefräßigkeit ist bekannt; in ihr gehen eigentlich alle übrigen Eigenschaften unter", heißt es in "Brehms Tierleben".

Staubsauger und Toaster

Die Vorstellung von Gefräßigkeit, die vor nichts Halt macht, wirkt bis in unsere Tage fort. Vor Landgasthöfen sind manchmal Stellschilder zu sehen, auf denen eine Sau mit Kochmütze fröhlich die Speisekarte präsentiert. Das Schwein empfiehlt sich selbst: Kotelett, Haxe, Blut- und Leberwurst. Kaum ein anderes Tier wird von Gastronomen und Schildermalern als Kannibale vermarktet.

Ganz anders in China. Dort begeht man alle zwölf Jahre das "Jahr des Schweins". Borstenviecher gelten traditionell als besonders ehrliche Tiere. "Menschen, die in Schweinejahren geboren wurden, sollen sich durch Toleranz, Vertrauen, eine hohe Moral und ritterliche Tugenden auszeichnen", schreibt der Berliner Kulturhistoriker Thomas Macho.

Hoch angesehen sind Schweine auch beim Volk der Maring in Neuguinea. Sie sind heilige Tiere, in denen die Geister der Ahnen wohnen. Die Frauen kümmern sich hingebungsvoll um die Aufzucht der Ferkel, die sie gemeinsam mit ihren Kindern in den Armen wiegen. Sie bringen den Ferkeln bei, ihnen gehorsam nachzulaufen.

Alle zwölf Jahre feiern die Maring ein einjähriges Schweinefest, das mit einem großen Opferritual endet, bei dem drei Viertel der Eber und Säue geschlachtet werden. Beim Verzehren des Fleisches wandern die Geister der Ahnen in die Körper der Lebenden.

So viel Respekt ist selten. Bei uns geriert sich das Schwein als Meister der Verkleidung und endet regelmäßig in Design-Katastrophen. So viele Schweine, die sich in der Stader Ausstellung als Ventilator, Taschenlampe, Staubsauger oder Toaster nützlich machen wollen!

Die als masochistische Fußmatten mit eingewebtem Ferkelporträt und der Aufforderung "Sau mich ein!" auf dem Boden lümmeln. Seifen und Bürsten in Schweineform drängen in die Badezimmer.

Schweine haben eine komplexe Persönlichkeit, aber oft keine Lobby. In Ägypten wurden unlängst Tausende Schweine gekeult, weil die Behörden die Tiere fälschlich direkt für die um sich greifende Schweinegrippe verantwortlich machten. Längst ist das Problem aber, dass das modifizierte Virus von Mensch zu Mensch übertragen wird.

Hierzulande weiß man zu unterscheiden. "Wir haben es jetzt mit einem menschlichen Krankheitsbild zu tun", sagt Werner Zwingmann, Chefveterinär im Bundeslandwirtschaftsministerium: "Die Schweine können nichts dafür."

© SZ Wochenende vom 20.06.2009/gal
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