Raumfahrt:Schichtwechsel mit Hindernissen

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Deutscher Astronaut Matthias Maurer soll zur ISS starten

ESA-Astronaut Matthias Maurer in seiner Extravehicular Mobility Unit (EMU).

(Foto: Robert Markowitz/dpa)

Warum sich der Mannschaftstausch auf der internationalen Raumstation ISS verzögert hat - und sich Teile der Besatzung auf dem Rückflug mit Windeln behelfen müssen.

Von Andreas Jäger

Matthias Maurer ist das Warten gewohnt. Mit seinen 51 Jahren gehört der Saarländer zu den reiferen Astronauten, die sich auf den Weg zur Internationalen Raumstation ISS machen. Kommenden Donnerstag soll es endlich soweit sein, um drei Uhr morgens deutscher Zeit. Immer wieder war der Raketenstart verschoben worden. Anders als ursprünglich geplant, soll nun zunächst ein Teil der aktuellen ISS-Besatzung, die "Crew-2", zur Erde zurückkehren, bevor mit Maurer und drei weiteren NASA-Astronauten "Crew-3" aufbricht. Doch auch die Rückkehr von Crew-2 wurde durch schlechte Wetterbedingungen mehrmals verzögert. Sie hatten ihren "Splashdown", also ihre Landung im Golf von Mexiko am frühen Dienstagmorgen deutscher Zeit hinter sich gebracht. Das habe zunächst Priorität gehabt, hatte die US-Raumfahrtbehörde entschieden. Erst jetzt kann Maurers Gruppe starten.

Mit dem Aufbruch von Cape Canaveral wird der Deutsche als Vertreter der europäischen Weltraumorganisation (ESA) seinen französischen Kollegen Thomas Pesquet an Bord der ISS ablösen. Dieser hat 199 Tage im Weltall verbracht, zusammen mit dem japanischen Raumfahrer Aki Hoshide sowie den NASA-Astronauten Megan McArthur und Shane Kimbrough. Eigentlich hätten sie erst nach Ankunft der Ablösung auf der ISS zur Erde zurückkehren sollen. Nachdem der Start von Crew-3 wegen schlechten Wetters und eines nicht näher definierten "kleineren medizinischen Problems" verschoben worden war, wurde der Rückflug von Crew-2 vorgezogen - nur um sich seinerseits wegen schlechten Wetters in den möglichen Landezonen im Meer um Florida zu verzögern.

Viel Spielraum bleibt nun nicht mehr. Denn nur maximal 210 Tage kann der vom privaten Raumfahrtunternehmen Space-X entwickelte Crew Dragon im All verweilen, mit dem Pesquets Team bereits zur ISS hingeflogen war; diese Zeitspanne läuft Mitte November ab. Die begrenzte Aufenthaltsdauer ist eine Sicherheitsmaßnahme, da der Space-X-Sonde abseits der schützenden Erdatmosphäre Schäden durch Mikrometeoriten sowie durch erhöhte Strahlenexposition drohen.

Crew-2 und Maurers Team werden sich nicht an Bord der ISS treffen

Beim Rückflug in der wiederverwertbaren Kapsel erwartet den Franzosen und seine drei Kollegen nun zudem eine irdische Unannehmlichkeit: Die Toilette ist defekt. Als Alternative muss daher "absorbierende Unterwäsche" - vulgo Windeln - herhalten. Eher "suboptimal", findet das Astronautin McArthur, wie sie bei einer Pressekonferenz aus dem All sagte. Nach hunderten von Experimenten, die die Raumfahrer an Bord der ISS im Auftrag der Wissenschaft durchgeführt haben, sei man jedoch willens, auch diese Herausforderung zu meistern.

Die Eigenheiten des Urinierens und des Wasserkreislaufs an Bord der ISS hätte die scheidende Besatzung den Neuankömmlingen nur zu gerne persönlich erklärt. So teilte Pesquet ein Internet-Meme eines gequält lächelnden älteren Mannes, der eine Tasse hält, mit der Bildbeschreibung: "Wenn du einen Kaffee im Weltall trinkst und dich daran erinnerst, woher das recycelte Wasser kommt." Aber Crew-2 und Maurers Team werden sich nun also doch nicht an Bord der ISS treffen. Stattdessen wird der Nasa-Astronaut Mark Vande Hei die Übergabe an Crew-3 leiten. Er bleibt gemeinsam mit den Kosmonauten Anton Shkaplerov und Pyotr Dubrov vorerst an Bord der ISS.

Was den Toilettengang angeht, kann für das Shuttle, mit dem Maurer ins All fliegen wird, Entwarnung gegeben werden: Dessen stilles Örtchen ist intakt. Der promovierte Materialwissenschaftler Maurer wird ebenfalls mit einem Crew Dragon zur ISS reisen, die die Erde in etwa 400 Kilometer Höhe umkreist. Beim Start ist die Kapsel an einer Falcon-Rakete angebracht, die abfällt, sobald der Treibstoff aufgebraucht ist. Zusammen mit den US-Amerikanern Raja Chari, Tom Marshburn und Kayla Barron soll Maurer am Freitag um 1 Uhr 10 deutscher Zeit an der ISS andocken - falls nun nichts mehr dazwischen kommt.

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