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Rätselhaftes Vogelsterben:Vögel leben gefährlich

Der Massentod einiger tausend Singvögel wirft gleichwohl ein Schlaglicht auf das gefährliche Leben von Vögeln, insbesondere während des Zugs und der Überwinterung. Gleich welche der diskutierten Ursachen letztlich der Grund für den Tod der Stärlinge von Arkansas oder Louisiana sein mögen - Blitzschlag, Hagelsturm, Seuchen, Vergiftung, Silvesterfeuerwerk - , möglich sind sie alle. Ornithologen kennen zahlreiche Beispiele aus aller Welt dafür.

Die meisten Todesfälle hängen mit den enormen Anstrengungen zusammen, die Vögel zu bewältigen haben, um zu überleben. Nur wenige Gramm schwere Singvögel fliegen oft nonstop über viele tausend Kilometer von den Brutrevieren in ihre Überwinterungsgebiete und zurück.

Viele sterben auf dem Weg. "Vögel müssen über unbekannte Gebiete ziehen, oft durch fremde Landschaften, die nicht zu den heimischen Jagdgründen passen. Das macht es schwer, Futter zu finden, natürliche Feinde zu erkennen und ihnen auszuweichen", sagt der britische Ornithologe Ian Newton, Autor des Standardwerks zur Ökologie von Zugvögeln.

Der britische Ornithologe Reginald Ernest Moreau schätzt in seinem posthum erschienenen Werk zum Vogelzug zwischen Eurasien und Afrika, dass nur etwa die Hälfte aller Zugvögel die Reise in das Winterquartier überlebt und in ihr Brutrevier zurückkehrt. Stimmt seine Vermutung auch nur annähernd, dass allein fünf Milliarden Vögel in jedem Herbst von Europa und Zentralasien in die Überwinterungsgebiete Afrikas ziehen, offenbart sich ein Massensterben gigantischen Ausmaßes - das zu einem Gutteil natürliche Ursachen hat.

Eine der größten Todesfallen sind die sogenannten ökologischen Barrieren wie das offene Meer. Sing-, Wat- und Greifvögel können nicht schwimmen. Während die großen und schweren Greifvögel, aber auch Störche und Pelikane, den Flug über das offene Meer vermeiden, fliegen Abermillionen Kleinvögel auf dem Herbst- und dem Frühjahrszug über das Wasser, um auf kürzestem Wege ans Ziel zu gelangen. "Sie begegnen dabei oft widrigem Wetter, Regen, Sturm, Nebel oder ungünstigen Winden", sagt Newton. "Das Gefieder saugt sich mit Wasser voll, der Vogel wird schwerer, das Fliegen anstrengender." Unterkühlung und Gegenwind rauben zusätzlich Energie. Dieser Stress kostet unzählige Vögel das Leben.

Nur manchmal werden diese Dramen sichtbar: So im April 1980 in Israel, einer der Drehscheiben des Vogelzugs zwischen Europa und Afrika, als plötzlich an Mittelmeerstränden in Meterabständen tote Vögel angeschwemmt wurden. Dem warmen Frühlingstag war ein für die Jahreszeit ungewöhnlich starker Temperatureinbruch mit Regen und starken Ostwinden vorangegangen - und das inmitten der Hauptsaison des Rückzugs vieler Vögel aus Afrika.

"Der Ostwind brachte die Zuggemeinschaft aus Abertausenden Vögeln vom Kurs ab, sie drifteten auf das offene Meer. Orientierungslos müssen sie entweder weitergezogen sein, bis sie buchstäblich vor Erschöpfung vom Himmel fielen und ertranken, oder sie erkannten den Fehler und schafften es nicht mehr, aus eigener Kraft umzudrehen", sagt Zev Labinger, Ökologe der israelischen Ornithologenvereinigung. Die an den Stränden aufgesammelten mehr als 1500 toten Bussarde, Steppenadler, Gänsegeier und Weißstörche waren nur ein Bruchteil eines Dramas, das ein Wettersturz ausgelöst hatte.

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