Radioaktivität Die Pilze von Tschernobyl

Radioaktive Strahlung kann auf manche Organismen eine positive Wirkung haben: Pilze, die den Farbstoff Melanin enthalten, können daraus offenbar Energie gewinnen.

Von Tina Baier

Pilze, die den Farbstoff Melanin enthalten, können aus radioaktiver Strahlung offenbar Energie gewinnen.

Schimmelpilze können radioaktive Strahlung nutzen.

(Foto: Foto: ddp)

Auf diese Idee kam der Biologe Arturo Casadevall vom Albert Einstein College in New York, als er im Internet las, dass ein Roboter im verstrahlten Reaktor von Tschernobyl schwarze, melanin-haltige Pilze gesammelt hatte. (PLoS one, online)

Um seine These zu überprüfen, bestrahlte Casadevall zusammen mit seiner Kollegin Ekaterina Dadachova verschiedene Pilzarten mit einer Dosis, die 500-mal höher war als die natürliche Strahlung der Erde.

Alle Arten, die Melanin enthielten, wuchsen in diesem Experiment schneller als ohne zusätzliche Radioaktivität. Als nächstes veränderten die Wissenschaftler das Erbgut von Pilzen, die den Farbstoff natürlicherweise nicht bilden können so, dass sie zu Melaninproduzenten wurden.

Nach dieser Behandlung wurden die Pilze schwerer und vermehrten sich schneller, wenn sie bestrahlt wurden. Melanin kann radioaktive Strahlung offenbar in eine Energieform umwandeln, die die Pilze für ihren Stoffwechsel nutzen können. Der Mechanismus ähnelt vermutlich der Photosynthese, durch die grüne Pflanzen Energie aus Sonnenlicht gewinnen.

Casadevall ist der Ansicht, dass seine Entdeckung weitreichende Folgen haben könnte: Bisherige Berechnungen des Energiehaushaltes der Erde müssten wohl überarbeitet werden. Zudem unterscheide sich das Pilzmelanin nicht von dem Melanin, das in menschlicher Haut vorkommt. Theoretisch sei vorstellbar, dass der Farbstoff auch den Menschen mit Energie aus der natürlichen Strahlung der Erde versorgt.