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Psychologie:Weicher Sessel, netter Chef

Unser Behrührungsempfinden beeinflusst unsere Entscheidungen: Wer in einem weichen Sessel sitzt, ist kompromissbereiter als jemand auf einem harten Stuhl.

Harte Stühle machen hartherzig, weiche milde. Wer unangenehme Aussprachen oder schwierige Verhandlungen vor sich hat, sollte daher besser darauf achten, dass sein Gegenüber bequem sitzt.

Stühle

Harter Stuhl oder weicher Sessel? Wer unangenehme Aussprachen oder schwierige Verhandlungen vor sich hat, sollte darauf achten, dass sein Gegenüber bequem sitzt.

(Foto: online.sdewissen)

Das beeinflusst den Ausgang des Treffens womöglich positiv. Auch schmeichelnde Polster, Stoffe und andere angenehm zu berührende Oberflächen stimmen den Gesprächspartner freundlicher.

Zu diesen erstaunlichen Ergebnissen kommen Psychologen aus Harvard und Yale im Fachmagazin Science vom heutigen Freitag (Bd.328, S.1712, 2010). Die Wissenschaftler beschreiben, wie Berührungsempfindungen die Stimmung, das Sozialverhalten und alltägliche Entscheidungen beeinflussen.

Die Forscher hatten zufällig ausgewählte Passanten in der Nähe ihres Campus gefragt, ob sie an dem ungewöhnlichen Versuch teilnehmen. In verschiedenen Experimenten hielten die Probanden mal schwere, mal leichte Schreibunterlagen und sie mussten ein Puzzle mit rauen oder glatten Teilen lösen.

Zudem berührten sie beiläufig harte oder weiche Gegenstände und saßen auf harten Stühlen oder in weichen, mit Kissen gepolsterten Sesseln. Anschließend mussten sie die Eignung von Bewerbern beurteilen, die Schärfe einer Auseinandersetzung bewerten, den Preis für einen Gebrauchtwagen aushandeln und andere Einschätzungen abgeben.

Trugen die Teilnehmer eine schwere Schreibunterlage, waren sie strenger zu den Job-Bewerbern. Hatten sie raue Puzzle-Teile angefasst, bewerteten sie eine Auseinandersetzung als feindseliger. Und wer auf einem harten Stuhl saß, war weniger kompromissbereit in Verhandlungen. "Die Prägung unseres Verhaltens erfolgt auch durch die Rückseiten unserer Hosen", sagt der Yale-Psychologe John Bargh. "Der Gemütszustand und unser Verstand sind sehr eng mit dem Körper verknüpft."

Taktile Erfahrungen einer schroffen, harten, kalten oder eben weichen, glatten, warmen Oberflächenbeschaffenheit gehören zu den ersten physischen Konzepten, die das frühkindliche Gehirn aufnimmt. Der Tastsinn ist der erste Sinn, der sich entwickelt. Meist sind körperliche Nähe, Zuwendung und Trost mit angenehmen und warmen Berührungen verbunden.

Ein Lächeln wird daher als warmherzig empfunden. Die Sinneseindrücke dienen während des Wachstums als Bezugsrahmen für die spätere Zuordnung von Charaktermerkmalen und sozialen Eigenschaften. Das Verständnis der Welt bildet sich aus den Berührungen, die man erfährt, folgert Bargh.

"Der Tastsinn wird in der Verhaltensforschung vermutlich am meisten unterschätzt", sagt Koautor Christopher Nocera. "Wie wir uns begrüßen, ob per Handschlag oder mit einem Wangenkuss, beeinflusst unbewusst wahrscheinlich auch unser Sozialverhalten."

Die Arbeitsgruppe um Bargh hatte schon 2008 zeigen können, dass Wärme warmherzige Gefühle auslöst - selbst wenn der Unterschied nur darin besteht, ob man für kurze Zeit einen Kaffee oder einen Eiskaffee trägt. Probanden, die ein warmes Getränk hielten, beschrieben eine Situation und andere Menschen deutlich positiver als jene Teilnehmer, die ein kaltes Getränk tragen mussten.

Begriffe wie "warmherzig", "ein harter Tag" oder "gewichtige Entscheidungen" sind womöglich mehr als nur Metaphern. "Diese physischen Erfahrungen bilden nicht nur die Grundlage für unsere Gedanken und Wahrnehmungen, sondern sie beeinflussen auch, wie wir gegenüber anderen auftreten", sagt Bargh.

"Manchmal ist unser Verhalten nur davon abhängig, ob wir gerade auf einem harten statt auf einem weichen Stuhl sitzen."