Psychologie:Lassen sich die Narben der Kindheit beseitigen?

Wenn letzteres stimmen würde, könnte man theoretisch mit Hilfe des Hirnscanners erwägen, ob ein Mensch für den Beruf des Rettungssanitäters eignet. Derzeit erkranken noch 20 Prozent im Laufe ihres Berufslebens an PTSD. Aber wahrscheinlich spielen noch weitere Faktoren eine Rolle für angeborene Unterschiede in der psychischen Stärke: So entdeckte der Psychiater Klaus-Peter Lesch von der Universität Würzburg, dass Mäuse mit einem besonders ausgeprägten Serotonin-Aktivität im Gehirn Schicksalsschläge besser ertragen. US-Forscher stellten ähnliches unter Betroffenen des Hurrikans Katrina fest.

Noch wichtiger ist allerdings die Frage, inwieweit sich die Narben der Kindheit beseitigen lassen. Während man früher dachte, dass die Persönlichkeitsentwicklung spätestens mit der Pubertät weitgehend abgeschlossen sei, ist die Wissenschaft heute verhalten optimistisch. So weiß man mittlerweile, dass das Gehirn bis ins höhere Erwachsenenalter plastisch bleibt. Bei Ratten gelang es bereits, das Angstgedächtnis mit Hilfe von Medikamenten zu löschen, bei Menschen gibt es erste Versuche. Aber lässt sich die Gabe eines Betablockers möglichst schnell nach einem traumatischen Ereignis vergleichen mit jahrelanger, frühkindlicher Misshandlung?

Die Erfahrungen mit den furchtbaren Waisenhäusern Rumäniens nach dem Ende der Diktatur schwächen indes die Hoffnung auf vollständige Rehabilitation. Die Kinder waren teilweise an ihre Betten gefesselt. Sie bekamen kaum emotionale Zuwendung, sie vegetierten - viele von ihnen starben.

Der Londoner Entwicklungspsychologe Michael Rutter verfolgte dann über ein gutes Dutzend Jahre, wie sich 111 Waisen entwickelten, die nach dem Zusammenbruch des Regimes nach Großbritannien adoptiert worden waren. Die Kinder erholten sich körperlich, obwohl eine vergleichbare amerikanische Studie eine erhöhte Infektionsanfälligkeit feststellte. Der durchschnittliche IQ stieg sogar dramatisch von 67 auf 107. Doch darf bezweifelt werden, dass die ehemaligen Waisenhauskinder glücklich wurden: Sie zeigten weiterhin starke Verhaltensstörungen, und es gelang ihnen kaum, emotionale Nähe zu ihren neuen Eltern zu entwickeln.

© SZ vom 30.10.2010/mcs
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