Süddeutsche Zeitung

Psychologie:Gewalt schlägt auf das Erbgut

Frühe Gewalterfahrungen wirken sich unmittelbar auf die Struktur des Gehirns aus. Offenbar. Forscher suchen nach Wegen, diese Narben zu glätten.

W. Bartens und C. Weber

An Ratten hat man es zuerst bemerkt. Der kanadische Neurobiologe Michael Meaney konnte zeigen, was kindliche Nager stark macht: Tiere, die von ihren Müttern nach der Geburt intensiv geleckt werden, bilden mehr molekulare Andockstellen, die das Stresshormon Kortison binden und unschädlich machen. Diese Tiere haben zwar auch Stress. Aber bei späteren Belastungen sind sie entspannter als jene, die von ihren Müttern weniger umsorgt wurden. Mittlerweile wurden diese Befunde auch für Menschen bestätigt.

In vielen Waisenhäusern, die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts nach modernsten Standards entworfen wurden, hatten Pflegerinnen die Anweisung, Kinder nicht zu berühren - aus Furcht vor Ansteckung. Obwohl die Waisen ansonsten bestens versorgt wurden, starben 40 Prozent der Kinder, als ihre Einrichtung von den Röteln heimgesucht wurde.

Außerhalb des Waisenhauses erlag dieser meist harmlosen Infektionskrankheit weniger als ein Prozent der Kinder. Auch hat die Kinderpsychiaterin Heidelise Als aus Boston in vielen Studien gezeigt, dass Frühgeborene sich besser entwickeln, schneller wachsen, weniger Hirnschäden bekommen, Lunge und Herz rascher kräftigen und früher entlassen werden können, wenn sie Wärme und Zuwendung bekommen

Umgekehrt mehren sich die Hinweise, dass frühe Gewalterfahrungen und Traumatisierungen sich unmittelbar auf die Struktur des Gehirns auswirken. In Deutschland hat das die Neurobiologin Anna Katharina Braun von der Universität Magdeburg schon vor einigen Jahren nachgewiesen. Sie isolierte bei den üblicherweise in Familien lebenden Strauchratten Jungtiere von Ihren Eltern und untersuchte dann die Gehirne der traumatisierten Nager: Die Synapsen waren ausgewuchert, das Gehirn hatte sich nicht gesund entwickelt, Verhaltensauffälligkeiten waren die Folge.

Aus epidemiologischen Studien weiß man, dass der Stress in frühen Jahren auch bei Menschen die Anfälligkeit für psychische Störungen, insbesondere Depressionen, erhöht. Die Psychiaterin Christine Heim - damals an der Universität Trier, nun in Atlanta - setzte Frauen, die als Kinder sexuell missbraucht worden waren, einem leichten psychosozialen Stresstest aus: Sie sollten vor Publikum reden. Sofort schossen deren Stresshormonwerte auf einen sechsfach höheren Wert. Gerade eine andauernd hochregulierte Stress- und Alarmreaktion aber macht körperlich und psychisch krank.

Im Jahr 2008 zeigte dann eine Arbeitsgruppe um Moshe Szyf von der McGill University erstmals, dass frühe Gewalterfahrungen sich auch auf die menschlichen Gene auswirken. Die Forscher verglichen das Gehirngewebe von 13 Suizidopfern, die in ihrer Kindheit misshandelt worden waren, mit dem einer Kontrollgruppe von Unfallopfern.

Dabei zeigte sich, dass molekulare Prozesse einige Gensequenzen im Erbstrang gehemmt hatten und zwar in der Region des Hippocampus, die wichtig für Lernvorgänge ist und für das Abspeichern von Informationen ins Langzeitgedächtnis. Sogenannte Methylgruppen behinderten also bei den Selbstmördern das Ablesen der Gene, wichtige Proteine wurden nicht produziert, der Hippocampus blieb unterentwickelt.

Man muss nur ein wenig weiter spekulieren, um zu der Folgerung zu gelangen, dass die Schläge in der Kindheit die Ursache für eine erhöhte Suizidalität sind, die sich zudem weitervererbt. Nur lässt sich im Nachhinein schwer sagen, wann diese Methylierung passiert ist. "Die Gehirne von Lebenden geben diese Informationen nicht preis", bekennt Szyf.

Ähnliche Diskussionen gibt es bei der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD), an der viele, aber eben längst nicht alle Opfer von traumatischen Erlebnissen erkranken. Auch hier ist unklar, ob ein geschrumpfter Hippocampus die Folge oder - worauf etwa eine Zwillingsstudie unter traumatisierten Vietnam-Veteranen und deren Geschwistern hinwies - die Voraussetzung der Erkrankung ist.

Lassen sich die Narben der Kindheit beseitigen?

Wenn letzteres stimmen würde, könnte man theoretisch mit Hilfe des Hirnscanners erwägen, ob ein Mensch für den Beruf des Rettungssanitäters eignet. Derzeit erkranken noch 20 Prozent im Laufe ihres Berufslebens an PTSD. Aber wahrscheinlich spielen noch weitere Faktoren eine Rolle für angeborene Unterschiede in der psychischen Stärke: So entdeckte der Psychiater Klaus-Peter Lesch von der Universität Würzburg, dass Mäuse mit einem besonders ausgeprägten Serotonin-Aktivität im Gehirn Schicksalsschläge besser ertragen. US-Forscher stellten ähnliches unter Betroffenen des Hurrikans Katrina fest.

Noch wichtiger ist allerdings die Frage, inwieweit sich die Narben der Kindheit beseitigen lassen. Während man früher dachte, dass die Persönlichkeitsentwicklung spätestens mit der Pubertät weitgehend abgeschlossen sei, ist die Wissenschaft heute verhalten optimistisch. So weiß man mittlerweile, dass das Gehirn bis ins höhere Erwachsenenalter plastisch bleibt. Bei Ratten gelang es bereits, das Angstgedächtnis mit Hilfe von Medikamenten zu löschen, bei Menschen gibt es erste Versuche. Aber lässt sich die Gabe eines Betablockers möglichst schnell nach einem traumatischen Ereignis vergleichen mit jahrelanger, frühkindlicher Misshandlung?

Die Erfahrungen mit den furchtbaren Waisenhäusern Rumäniens nach dem Ende der Diktatur schwächen indes die Hoffnung auf vollständige Rehabilitation. Die Kinder waren teilweise an ihre Betten gefesselt. Sie bekamen kaum emotionale Zuwendung, sie vegetierten - viele von ihnen starben.

Der Londoner Entwicklungspsychologe Michael Rutter verfolgte dann über ein gutes Dutzend Jahre, wie sich 111 Waisen entwickelten, die nach dem Zusammenbruch des Regimes nach Großbritannien adoptiert worden waren. Die Kinder erholten sich körperlich, obwohl eine vergleichbare amerikanische Studie eine erhöhte Infektionsanfälligkeit feststellte. Der durchschnittliche IQ stieg sogar dramatisch von 67 auf 107. Doch darf bezweifelt werden, dass die ehemaligen Waisenhauskinder glücklich wurden: Sie zeigten weiterhin starke Verhaltensstörungen, und es gelang ihnen kaum, emotionale Nähe zu ihren neuen Eltern zu entwickeln.

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Quelle:
SZ vom 30.10.2010/mcs
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