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Psychologie:Das Dinner-Ballett

Wir imitieren unsere Mitmenschen in vielen Situationen unbewusst. Sogar wenn wir gemeinsam essen, synchronisieren wir unsere Bewegungen und damit das gesamtes Essverhalten.

Sebastian Herrmann

Zwei Menschen treffen sich zum Essen in einem Restaurant. Vorspeise, Hauptspeise, Dessert, Wein, Kerzen, das ganze Programm. In dieser Situation ist es sehr wahrscheinlich, dass beide ungefähr gleich viel essen, selbst wenn sie unterschiedliche Gerichte bestellen.

Warum sich der Appetit zweier Menschen aneinander anpasst, konnten Psychologen bisher jedoch nur ungenügend erklären. Nun haben Forscher um Roel Hermans von der Radboud Universität Nijmegen 70 Frauenpaare beim gemeinsamen Essen beobachtet und daraus eine Erklärung destilliert. Die Probandinnen synchronisierten ihre Bewegungen und damit ihr gesamtes Essverhalten, berichtet Hermans (Plos One, online).

Die Psychologen beobachteten insgesamt 3888 Bisse. So oft führten Frauen in dieser Studie eine Gabel oder einen Löffel mit Essen zum Mund - und sie vollführten diesen Akt weitgehend gleichzeitig. "Die Frauen imitierten unbewusst das Verhalten der jeweils anderen", sagt Hermans. Es sei wesentlich seltener vorgekommen, dass eine Frau alleine einen Bissen zu sich nahm.

Menschen imitieren das Verhalten anderer in vielen Situationen - besonders wenn ihnen daran gelegen sei, dass ihr Gegenüber einen positiven Eindruck von ihnen bekomme, sagt Hermans. Und bei einem gemeinsamen Essen ist dies meist der Fall.

Bisher hatten Forscher gedacht, dass eher sozialer Druck die Ursache für das Phänomen des scheinbar gleichen Appetits sei. Schließlich ist es unangenehm zu schlemmen, wenn der Partner nur in einem Salat stochert. Doch offenbar spiele eine Art Verhaltens-Mimikry die wichtigere Rolle, argumentieren die Forscher.

In vergleichbaren Studien haben Psychologen bereits ähnliche Effekte beobachtet, etwa bei jungen Erwachsenen, die Alkohol trinken. Diese griffen stets zum Glas, wenn ihr Begleiter kurz zuvor ebenfalls einen Schluck genommen hatte. Es genügt sogar, wenn in einem Film getrunken wird. Setzt ein Schauspieler das Glas an, folgt ihm sein Publikum gerne.

© SZ vom 02.02.2012/mcs

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